Tagebuchtage:
 
 
 
 
 
 
Samstag, 21.8.2010
Tag 74 - 2 Etappen bei Sonnenschein
Maljasset (Rifugio CAF) → Col de Mary → Chiappera → Colle Ciarbonet → Chialvetta
Frueh am Morgen.
Fix. Heute bin ich mit mir unzufrieden. Die Karte, die ich jetzt benutze, taugt gerade mal zum Arschauswischen, sodass ich heute keine 2,5 Etappen machen konnte. Gestern abend war ich wie schon geschrieben bis 23 Uhr noch wach. Ganz alleine sass ich in dem Gastraum und konnte mein Graffl fertig schreiben. Als Letzter ging ich damit ins Lager, wo schon viele vor mir hersaegten. Die Ohrenstoepsel halten da schon ganz gut, aber wieder mal konnte ich nicht einschlafen. Mein Herz pochte immer noch stark wie wenn es wollte, dass ich aufstehen und weiterlaufen sollte. So schlief ich erst irgendwann nach 12 oder 1 Uhr ein. Mit den Ohrenstoepseln in meinen Ohren hoerte ich meinen Handywecker erst, als er auf voller Lautstaerke lief.

Seltsam bepackter Wandersmann.
Kaum war ich auf, stand auch schon der Grossteil des Rests der Mannschaft auf. Trotz dem Schlafmangel fuehlte ich mich morgens nicht muede. Nur verpeilt bin ich. Z. B. steckte ich heute die Stirnlampe eines anderen in meine Hosentasche, was ich erst spaeter bemerkte. Meine eigene verlegte ich kurz danach und suchte sie fuer 10 Minuten. Der Lauf auf der Via Alpina kommt mir momentan auch mehr wie ein Umherhetzen vor als eine gemuetliche Wanderung, aber ich hab's eilig. Ich will durch zusammenlegen von Etappen vor dem Urlaub meiner Eltern am 4. September in Monaco sein, wobei ich beim Nachrechnen genau auf den 4. September landen wuerde. Mal schaun, was da noch geht. Vllt. mal in der Nacht Wandern?

Endlich kam die Sonne heraus.
Das Fruehstueck war recht schlicht, hatte aber frisches Brot. So schmierte ich mir ein Marmeladenbrot nach dem anderen, trank Schokomilch und futterte danach noch etwas Muesli. Das Morgenritual gleichte bei mir fuer Aussenstehende wohl eher einem Schweine, dass humanuides Essen zu sich nimmt als einem Fruehstueck. Aber nur so schaffe ich es, maximal viel in begrenzter Zeit rein zu stopfen. Wo genau ich in der Frueh soviel Zeit verschwende, ist mir selbst unbegreiflich. Erst kurz vor 8 Uhr verliess ich die Huette! Der Himmel war schon wieder das genaue Gegenteil von dem gestrigen Blau, einfach nur blau. So startete ich hoch erfreut die heutige Etappe.

Der Briefkasten am Pass.
Ueber eine Schotterstrasse ging ich oestlich das Tal weiter entlang, bis schon bald ein Wegweiser den Wanderweg aufzeigte der hoch zum Pass ging. Immer noch lief ich im Schatten, wobei die Aussentemperatur sehr angenehm war. Genau richtig zum Wandern! Mit dem ueblichen Morgenspurt stuermte ich weiter. Ich hab die Idee, dass [sich] mein Koerper bei den 2 Tagen vor dem Bernadino Pass an dem ich je 2 lange Etappen zusammenlegte, umgeschalten hat. Obwohl ich als Erster das Haus verlassen hatte, liefen vor mir schon andere Wanderer von denen ich einen nach dem anderen ueberholte, bis keiner mehr vor mir sichtbar war.

Das erste Wegstueck nach dem Pass. Das andere Wegstueck zog sich noch lange Zeit hin.
Eine ganz besondere Packweise musste ich auch gleich per Foto festhalten, bei der gleich 3 Isomatten hinten draufgeschnallt waren. Die erste Vermutung der Prinzessin auf der Erbse erwies sich aber als falsch als ich an einem Mann vorbei lief. Wegen einem anderen Wanderer musste ich wieder an Ivan denken, der jetzt sicher schon in Monaco angekommen ist. Der hatte naemlich auch so ein Rundzelt hinten auf dem Rucksack mit drauf bei dem ich immer noch nicht verstehe, warum es Leute kaufen, da es doch deutlich schwerer ist als z. B. meines. Und das alles nur, um es schnell auf- und abzubauen? Mit gemuetlicher Steigung lief ich weiter. Nur ganz langsam ging es hoeher. Vorbei an einer Huette, bei der man vermutlich etwas Trinken und Essen haette koennen, machte der Weg ein paar Minuten spaeter auch einen kleinen Schlinger, wo ich beim Zurueckblicken einen abzweigenden Weg sah.

Da kam ich runter.
Hab' ich evtl. eine Abzweigung verpasst. Ein Blick in die grob benordete Karte brachte auch nicht viel Erkenntnis. Egal. Erst mal weiter hoch. Ein paar Minuten spaeter konnte ich auch keinen See sehen sondern in der Ferne nur einen Pass. Das passt also. Ha! Wortspiel! :-). Vllt. schaltete mal mein Hirn aus, aber ziemlich schnell stand ich auf einmal auf dem Pass und auch vor dem Briefkasten bei dem ich hoffte, dass eine Postkarte zum Mitnehmen drin war, da dieser dafuer genau an der Grenze zwischen Italien und Frankreich stand. Leider war nix drin ausser ein paar Buechlein und Zettel, wobei ich mich auch auf einem dieser Zettel verewigte.

Rechts vorbei am See nach der Zwischeneinkehr.
Zum X-ten Mal machte ich mich wieder auf zum Abstieg, kam an albino Kuehen vorbei, lief und lief, teils auf Schotterstrassen, teils auf kleineren Straesschen welche nicht mehr fuer Autos gedacht waren, teils auf kleinen Pfaden. Der Abstieg von 1000 HM zog sich ueber die 8 km quaelend langsam hin. Einmal befuerchtete ich sogar, an dem Haus am Etappenziel vorbeigelaufen zu sein! Die franzoesischen Karten hoerten ab der Grenze mit dem hohen Grad an Genauigkeit auf und liessen nur Vermutungen zu. Dann kam aber endlich der Campingplatz bei Chialvetta und auch das Haus beim Etappenziel, bei dem ich sogleich einkehrte.

Wie oft wohl diese Blumen ausgetauscht werden?
Es war erst kurz nach 11 Uhr, also perfekte Zeit um etwas zu essen und die naechste Etappe draufzuschlagen. Da ich drinnen nicht genau wusste, was es gibt, bestellte ich mir einfach Spaghetti Bolognese. Nach ein paar Minuten stellte sich dann aber heraus, dass die warme Kueche noch nicht offen hatte. So bestellte ich mir halt ein Sandwich mit Schinken und Kaese in der Erwartung, dass es nicht so ein Reinfall werden wuerde wie in der italienischen Huette vor ein paar Tagen. Jetzt bin ich ja schon wieder in Italien. Zwischen einer noch knusprigen Riesensemmel verbarg sich guter Kochschinken, Kaese und Butter. Yeah! Glueck gehabt. Das Riesenteil stillte auch meinen Hunger. Dieses mal faengt Italien gut an. Auch die Leute sind freundlich auch wenn sie [wieder] mal kein Englisch koennen. Als ich fragte, ob die Unterkunft der folgenden Etappe offen hat, wurde mir gleich angeboten dort anzurufen, was ich dankend entgegen nahm. Nach einer halben Stunde Pause zog ich wieder meine Schuhe an, mich ueber die Schnuersenkel aergernd, und wunderte mich ueber die guenstige Rechnung. 9 € fuer 1 Liter Cola und das Riesen-Sandwich war schon recht guenstig.

Kurz vor dem Uebergang.
Apropos trinken: Beim Abstieg trank doch tatsaechlich jemand direkt aus dem Fluss, in den etwas hoeher aber von ihm nicht einsehbar die Kuehe reinpissen und -scheissen. Ja wie ekelhaft! Mit Beendigung der Etappe verpackte ich dann auch meine letzte franzoesische Wanderkarte in der jetzt unglaublich schweren Tuete nicht mehr benoetigter Karten. Ab jetzt geht's mit IGC [Kotz] Karten weiter, die mich von der Qualitaet sehr an Kompass Karten erinnern: Einfach grauenhaft. An meiner rechten Hand ist auch das Nagelbett bei ein paar Fingern kaputt und ich reisse mir die Wunden immer wieder auf, wenn ich die Karte aus der Tasche ziehe. Deshalb trage ich die Karte jetzt in der linken Tasche.

Der Blick nach dem Uebergang runter.
Heute hat es mich auch einmal richtig gerissen, als ich in der rechten Tasche nichts fand. Mein Ruecken hat mittlerweile auch Schuerfwunden im Beckenbereich, da ich zur Entlastung meines Rueckens gegen Ende der Tagesetappe den Beckengurt fester ziehe. Das behandel ich momentan mit Bepanthen in der Hoffnung, dass es die naechsten Tage vollstaendig heilt. Nach nun fast 2 Alpenueberquerungen macht wohl auch meine Kamera schlapp. Immer oefter bekomme ich Fehlermeldungen angezeigt. Mich wundert's sowieso, dass eine Spiegelreflex das staendige Auf und Ab so lange durchhaelt.

Der verfluchte Zaun der mir einen Schlag gab.
Nun wieder zur zweiten Etappe, die fuer Heute auf der Tagesplanung stand. Ein bisschen weiter auf der Strasse ging bald ein Wanderweg rechts bei der ersten Kehre weg. Das wurde auch mit vielen Wegweisern angezeigt, was mich beruhigte. Die Wanderkarte taugte fuer solche Entscheidungen ob man auf einer unbeschilderten moeglichen Abzweigung abbiegen soll rein gar nichts. So hatschte ich auf einem Wanderweg entlang, links unter mir einen Stausee sehend. Dann ging's mal wieder mit Wegeraten los. Beim Campingplatz kam ich ueber einen Weg an, der gar nicht eingezeichnet war. Bei einer Schotterstrasse sah ich dann rot-weisse Markierungen, aber als ich dieser folgte stimmte deren Kruemmung einfach nicht mit der Karte ueberein. So ging ich die Strasse zurueck zum Eingang des Campingplatzes wo ein Schild doch bestaetigte, dass das der richtige Weg ist. So ein Dreck. Mit diesen Karten muss ich jetzt noch bis kurz vor Monaco laufen, wo mich eine Kompass Karte erwartet :-(.

Querfeldein geht's halt einfach schneller.
Auch dieser Wanderweg ging gemuetlich bergauf, allerdings die meiste Zeit geschuetzt unter schattenspendenden Baeumen. Als ich etwas hoeher stand durfte ich mich wieder ueber die zurueckgelegte Strecke erstaunen. Der Pass ueber den ich gegangen bin lag in unbeschreiblicher Entfernung. Auch diese nur 600 HM Aufstieg hatten bald ein Ende und ich stand auf einem weiteren eher unspektakulaerem Pass, wo sich auf der anderen Seite Leute im Gras liegend von der Sonne brutzeln liesen. Ein Forstweg sollte jetzt in vielen Schlaengeleien herabfuehren. Ca. 4 solcher Kehren machte ich. Dann reichte es mir. Mit dem Scheiss verliere ich sicher ueber 15 Minuten. Also auf zum direkten Weg: Querfeld ein. Soweit passte das auch gut, bis ich wieder mal mit meinem Wanderstock einen Kuhzaun herunterdrueckte und sofort eine gewischt bekam. Ja fix! Mit viel Koerperbeherrschung, ja schon fast gleich einem Meister akrobatischer Kunst stieg ich einfach ueber den Zaum. Ich wollte keine geschockten Eier!

Waere zwar schoen gewesen, aber keine der beiden Doerfer war mein Endziel. Es ging noch tiefer runter :-(.
Trotz der vielen Abkuerzungen zog sich der Weg ewig hin. Das vermeintliche Ziel konnte ich auch schon sehen. Es war zum Greifen nah. Ab einer Weggabelung ging auch ein Wanderweg weiter runter. Genau zu dieser Weggabelung muss ich morgen wieder hoch laufen *wuerg*. Der Wanderweg endete dann auch im Dorf, das ich von oben gesehen hatte. Nur war das noch nicht das Richtige. Erst 150 HM tiefer fand ich das richtige Dorf mit meiner bestellten Einkehr bei "Posto Tappa", der einzig moeglichen [Uebernachtungsmoeglichkeit in diesem Dorf]. Ich schreibe auch so wenig, weil ich morgen sehr frueh aufstehen will.

Mein Ziel: Chialvetta.
Zuerst dachte ich, dass der Laden hier eine Abzockerbude ist. Ich wurde naemlich in's Lager in den Keller gesteckt. Erst jetzt kapier ich, dass es auch nur deshalb ist, dass ich alleine mein Zimmer hab. Die Dusche ist aber trotzdem eine Krankheit,. Der Drehknopf ist kaputt, sodass fast keine genaue Einstellung moeglich ist. Endlich gibt's auch wieder grosse Bier und das Moretti Bier schmeckt sogar ganz gut! Ich haette sogar Lust, Eine zu rauchen. Zum Abendessen gab's erst mal leckere Nudeln mit Kaese. Zum Hauptgang Hirschgulasch mit scheiss Polenta-Brei. Brei ist was fuer Kinder! Nachtisch war eine Kugel Eis mit Fruechtecocktail. Das Fruehstueck wird fuer mich extra im Keller aufgebaut, weil ich 6:30 als meine Wunschfruehstueckszeit gesagt habe. Meinen Wecker stellte ich jetzt aber schon auf 5 Uhr. Der Grund: Wenn alles klappt, laufe ich Morgen insgesamt mehr als 3500 HM hoch!!!

Mein Fruehstueck.
Cool. Ich hab gerade die Chefin hier gefragt, ob eine Huette dazwischen offen hat. Wenn ich also nicht mehr kann, kann ich da aufhoeren. Sie hat gleich gefragt, ob sie anrufen soll [was ich ablehnte]. Ja. Dieser Teil von Italien gefaellt mir deutlich besser. Ich bin auf's Fruehstueck gespannt!