Tagebuchtage:
 
 
 
 
 
 
Donnerstag, 10.7.2010
Tag 32 - Horst ade! Jetzt aber wirklich!
Rif. Schiazzera → Gruem → San Romerio → Gestruepp [wirklich viel!] → Poschiavo → Selva
Wasserfall - im Hintergrund noch die Strasse, die direkt unter der Huette endet.
Die Nacht war die Hoelle auf Erden. Diese scheiss Kinder mit ihren scheiss Betreuern haben erst um 3 Uhr Nacht endgueltig die Fresse gehalten. So etwas habe ich selbst auf heftigsten Huettenabenden nicht erlebt. Die ganze Zeit quatschten die und liefen herum! Am liebsten haette ich die vom Berg geschmissen - zusammen mit ihren Betreuern!!! Der Morgen verlief dementsprechend zaeh. Um halb 7 standen wir auf. Zumindest jetzt hielten die Kinder dicht. Teilweise schliefen die draussen auf dem grossen Balkon. Um 7 Uhr war ich nach der Benutzung der ersten "In die Hocke gehen fuer's grosse Geschaeft"-Toilette beim Fruehstueck. Leider war das nicht so herausragend: Brot, Butter und Marmelade. Naja - besser als nichts. Von gestern habe ich mir von der Halbpension noch einen Apfel eingesteckt, der zur Not unterwegs auch herhalten kann. Nach dem Fruehstueck stampfte ich erst einmal mit meinem soeben angezogenen, bedingt Steigeisen festen Schuhen auf dem Balkon herum. Als ich dann kurz vor dem Abmarsch war, wuenschte ich den Kiddies auf Deutsch noch einen schoenen guten Tag. Natuerlich in einer Lautstaerke, dass es jeder auf dem Balkon hoeren konnte. Vom Wirt wurden wir persoenlich verabschiedet. Mit der Zeit lege ich sehr viel Wert darauf [dass mich der Wirt persoenlich verabschiedet], wenn ich nur mit ein paar wenigen auf der Huette bin.

Um ein bisschen Kraxelei kam ich mal wieder nicht herum.
Die ersten paar HM ging es ueber einen aus Steinen geschaffenen Weg herunter. Leider endete dieser schon nach wenigen Kehren auf einer Forststrasse, an dessen Ende (also genau hier) auch Autos standen. Das ist wirklich eine Schande. Und ich dachte schon, dass die Huette mit Eseln oder sonst wie beliefert wird :-(. So ist wohl auch der Kindergarten hochgekommen. Viel lief ich nicht auf der Forststrasse. Nach ein paar Metern ging der Wanderweg weg, zugewuchert von jeder Seite, sodass ich richtig im Blinden stapfen musste. Das wirklich aergerliche waren aber die Brennnesseln, die meine Beine nicht gerade erfreuten. Das Zeug scheint sich herauszuschwitzen, aber so richtig erfreulich ist das nicht. Der Weg endete auch bald auf einer zugewucherten Forststrasse, auf der schon wieder ein Auto stand. Tztztz. Da kamen wohl die 3 aelteren Menschen her, die mir kurz zuvor ueber den Weg liefen. Bald zeigte sich auch auf diesem Weg ein Schild in Richtung San Romerio und ein anderes weiter abwaerts nach Tirano. Genau hier trennten sich die Wege von Horst und mir jetzt endgueltig. Kein Geschnarche mehr, wenn ich alleine auf einer Huette bin, kein gemeinsames Tuba Konzert, kein gemeinsames Nachahmen eines roehrenden Hirschen zur Brunftzeit. Zumindest bis zur naechsten Tour :-)

Die "Klimaanlage"
Der weitere Weg war so traurig wie der Abschied. Erst einmal mussten immer wieder Geroellhalden gequert werden. Soweit kein Problem. Das kam erst dann, als Baumstaemme querfeld ein immer wieder den Weg versperrten und ich des oefteren entweder darunter durchkrabbelte, darueber hinweg stieg oder einen anderen Weg aussen herum suchte. Dabei waren sowohl meine Arme, als auch mein Innenschuh bald voll mit Dreck. Den Schuh leerte ich aus, die Arme wusch ich mir mit dem Wasser aus dem "Hahn" meiner mobilen Trinkblase. Die Geroellhalden hatte ich bald hinter mir gelassen. Der Weg fuehrte jetzt durch einen Waldteil, bei dem der Wald der Sonne die Kraft nahm und eine wilde Wucherei ueber dem Wanderweg keine Chance hatte. Bald gelangte ich in einer Art Vertiefung, in der ich mich wie im Kuehlschrank fuehlte. Herrlich! Unter mir befand sich sicher noch ein gefrorener Boden. Das waere der perfekte Ort fuer mein Sommerhaeuschen mit Naturgegebener Klimaanlage und wenn's einmal zu kalt wird, gehe ich 20 Meter weiter :-). "Pra Campo" war wieder das erste Anzeichen von Zivilisation. Wieder mit ein paar von mir so geliebten kleinen feinen Haeuschen. Unter "Pra Campo" kam ich heraus und ging ueber eine Kehre durch. Aus der feinen Swiss Topo Karte konnte ich auch erkennen, dass es von dieser Haeuseransammlung nach oben weitergehen musste - nur wo? Von Wegmarkierung zu Wegmarkierung hangelte ich mich weiter durch. Allmaehlich nervt mich diese scheiss Markierungsarmut in Italien!

Ueber solche Wegmarkierungen freute ich mich nach den letzten Tagen um so mehr
Den heutigen Weg ohne den Abstieg nach Tirano fand ich auf der Via Alpina Tafel, die an der Huette haengte. Tirano scheint mehr als Zustieg zur Via-Alpina gedacht zu sein. Deshalb wuerde der Wanderweg auch wieder teils auf gleicher Strecke nach oben fuehren. Wie auch immer ist dieser Weg doch ziemlich doof zu gehen, doch schon bald wandelte sich die Markierungsarmut in einen regelrechten Markierungswahn! Oft ganz frische, erst vor kurzem erstellte Markierungen, bei denen sogar noch das Kreppklebeband klebte, befanden sich alle paar Meter. Wo bin ich denn hier gelandet?!? Nach einiger Zeit kam es mir dann: Ich duerfte die Grenze zur Schweiz ueberschritten haben! Das wirklich schoene an dem Wanderweg ist der Ausblick. Sowohl das Tal, als auch die schneebdeckten Gipfel waren kilometerweit zu sehen. Bisher war der Himmel immer noch komplett blau und die Vormittagssonne fing an, herunter zu brennen. Ich freute mich schon richtig auf die heutige Zwischeneinkehr, die ich die letzten Tage so sehr vermisste. Aber bis dahin waren es noch 2 Stunden.

San Romerio
Kurz vor Gruem lief mir doch tatsaechlich ein anderer Wanderer ueber den Weg. So wie dieser aussah, koennte der auch auf der Via Alpina laufen und schon quatschten wir ein bisschen. Er ist ein Franzose, der aber auch Deutsch und Englisch sprechen kann. Er ist vor 3 Wochen gestartet und will bis nach Trieste laufen. Damit hat er in etwa genausoviel vor, wie ich. Nach 5 Minuten ging die Reise weiter. Bald kam der Wanderweg in Gruem heraus, wo ich die Strasse weiter herunter lief. Bei der ersten Kehre erwartete ich einen abzweigenden Wanderweg, doch nichts war. Fix! Ein Blick in die Karte verriet mir, dass ich wohl etwas falsch gelaufen bin. Also wieder die Strasse wieder [immer wieder!] hoch :-(. Tja. Da zweigte wirklich ein Weg ab. Nur war das nicht wirklich ersichtlich. Schon bald konnte ich auch das vordere Zipfelchen des Sees sehen, der im Tal herumgammelte. Letztendlich kam ich auf der Forststrasse heraus, die bis nach San Romerio fuehrte. Immerhin mussten die Grattler ihr Auto gut 50 HM weiter unten stehen lassen. Bei diesem Parkplatz fing auch irgendein aelterer Italiener mit mir das Reden an. Ich weiss aber immer noch nicht, was er wollte. Nach 20 Minuten ab dem Parkplatz kam ich dann endlich in San Romerio an in dem eine Kirche direkt an einem Abgrund talwaerts stand. Ein paar Meter daneben das dazugehoerige Rifugio: Schatten, 1 Liter Wasser und 1 Cola. So laesst es sich leben! Dann bekam ich auch noch den Key zum W-LAN der Huette! So konnte ich gleich Anrufe taetigen, wobei der zu meinem Opa der Wichtigste war. E-Mails checken musste ich auch noch wegen dem Job nach diesem herumhatschen. Dann noch die GPS Daten hochladen und noch den Liter Wasser sowie das Cola zu Ende austrinken. Davon hatte ich mir etwas zuviel bestellt, sodass ich es mir regelrecht reindruecken musste. Hunger hatte ich seltsamerweise nicht.

Das Maedel mit dem Laubblaeser
Nach einer Stunde Pause ging es an den Abstieg. Zuerst ging es auf gleicher Hoehe etwas weiter, bis der Wegweiser nach Poschiavo mit einem Via Alpina Symbol nach links unten zeigte. Dort ging es in vielen Serpentinen tiefer und tiefer bis ich fast schlagartig wieder auf gleicher Hoehe bleibend weiter hatschte. Heraus kam ich wieder mal auf einer Forststrasse, neben der ein paar Leute Heu teils mit Laubblaesern sammelten!!! Jetzt haben diese scheiss Maschinen auch schon in den Bergen Einzug gehalten. Etwas konfus fuehrte der weitere Weg weiter. Poschiavo war nicht mehr angeschrieben. So folgte ich dem Schild in die Richtung, die fuer mich am meisten Sinn zu ergeben schien. Desto laenger ich den Weg lief, desto seltsamer kam er mir vor. Staendig zweigten kleine Wege ab und immer konnte ich eine Markierung auf dem von mir gewaehlten Weg finden. Nur gab es irgendwann keine Markierungen mehr. Toll. ich bin hier mitten in irgendeinem Drecks Irrgarten gefangen. Deshalb hatte ich bald keine Lust mehr darauf, da der Weg immer auf und ab fuehrte. Da ich nur noch gute 50 HM von sichtbaren Feldern entfernt war, beschloss ich, einfach querfeldein abzusteigen. Tatsaechlich kam ich schnell bei einem Feld heraus und genoss es bald, auch auf einer weiteren Feldstrasse zu laufen.

Der Punkt, an dem ich einfach den Berg heruntergelaufen bin ... schliesslich war vor mir kein Wanderweg mehr zu erkennen
Waehrend meines ueber 2-stuendigen Abstieges hat sich auch der Himmel in das genaue Gegenteil verwandelt: Er war bewoelkt mit dunklen Wolken und es war trotzdem noch heiss. Poschiavo erreichte ich auch schon bald und fragte mich zuerst zu einer Bank durch. Leider hatte ich vergessen ,dass es in der Schweiz nur Franken zum Abheben gibt. Das bringt mir natuerlich auserhalb der Schweiz nichts :-(. Aber Hauptsache, irgendeine Form von Geld ist mit dabei. In einem Drogeriemarkt kaufte ich dann noch Zahnpasta und neues Duschgel. Die Dame an der Kasse gab mir den Tipp, dass evtl. am Bahnhof das Geld gewechselt wird! Dort wollte ich sowieso hin. Der Himmel grollte mittlerweile schon. Lange dauert es nicht mehr und es regnet! Mit den ersten Regentropfen kam ich beim Bahnhof an und kaufte mir gleich einen Multivitaminsaft und eine Cola. Dann setzte ich mich auf eine Bank, zog meine Schuhe aus und machte erst einmal Pause. In San Romerio meinte der Wirt auf meine Frage hin, dass man auch in Selva uebernachten kann. Das wuerde genau auf meiner Etappe liegen und nur weitere 450 HM beanspruchen. Nach dem Wechseln von 500 Franken in Euro ging es also weiter. So spare ich mir beim morgigen Aufstieg von mehr als 1600 HM die 450 HM ein und koennte einem Gewitter am Mittag davonlaufen.

Poschiavo
Den Regenschutz von meinem Rucksack zog ich schon mal drueber. Auch dieser Weg wich von dem von mir in der Karte markierten ab. Egal. Ich gehe nach den Wegweisern mit dem Via Alpina Schild. Schnell ging es in den Wald, der mir wie geplant einen Schutz vor den ersten moeglichen Regentropfen geben wird... und schon fing es an. Also rein in meine Kluft! Regenhose, Regenjacke und fuer meine Kamera den Regenschutz. So ging es weiter hoch, meist ueber einen steinigen Wanderweg. Ab und zu gab es Kreuzungen, bei denen es anscheinend nach der Devise immer den steilsten Weg zu nehmen hoeher ging. Bei der vorletzten Ueberschneidung mit einer Strassenkehre ging ich noch einmal der Strasse entlang, die nach einer Kehre wieder auf den Wanderweg zurueckfuehrte. Das verschaffte mir neue Reserven fuer den "kleinen" Aufstieg. Einen Bach hatte ich auch noch zu ueberqueren, dessen Wasser [sich] wohl wegen der Regenfaelle etwas anhaeufte. Die Hoffnung auf eine Bruecke erfuellte sich und schon bald war ich auf der Hoehe des Dorfes Selva. Den Weg folgend ging ich bei der ersten Abzweigung gerade aus. Die Karte wollte ich auf offenem Gelaende nicht auspacken. Die Tannenbaeume gaben mir beim Aufstieg im Wald viele trockene Stellen zum Verschnaufen und Karte schauen. Bei dem einzigen Haeuschen in diese Richtung (das Haeuschen hielt ich fuer die Unterkunft) sass ein Ehepaar, dass ich fragen konnte, wo die Unterkunft sei. Die meinten, die Strasse zurueck und dann rechts. Zurueck? Ich fragte, ob es ok sei, wenn ich direkt ueber das Feld gehen wuerde fuer den Fall, dass sie die Besitzer sind. Ob sie's waren, weiss ich nicht, aber ein paar Minuten spaeter gelangte ich entlang der Luftlinie zum Gasthof in Selva.

Direkt vor mir liegt die wasserdichte Unterkunft
Mittlerweile war ich pitsch nass und froh ueber das Matratzenlager und vor allem die heisse Dusche. Letztere natuerlich kostenlos! Als ich den Wirt fragte, ob es eine Dusche gaebe meinte er nur, dass wir hier ja nicht im Urwald sind :-). Ich finde es sehr interessant, dass alle Menschen, sobald man in die Schweiz kommt, von der Italienischen Grenze auch Deutsch koennen. Nach dem Duschen ging's an das Waesche waschen in der Hoffnung, dass diese bis morgen noch trocknet. Leider musste ich auch feststellen, dass ich vergessen habe, den GPS Logger in meinem Handy zu aktivieren :-(. Ganz im Gegenteil zu den Etappen mit Horst, gab es heute bis auf ein Bier nur Apfelschorle und O-Saft Schorle auf der Huette. Das Abendessen war sehr gut. Erst ein Salat, dann Cordon-Bleu mit Pommes. Die huebsche Bedienung war noch das Sahnehaeubchen oben drauf ;-). So, ich bin kaputt und gehe jetzt ohne das Schland-Spiel geschaut zu haben ins Bett. Es ist schon wieder nach 11 Uhr.