Tagebuchtage:
 
 
 
 
 
 
Donnerstag, 26.7.2010
Tag 48 - Aletschgletscher, der Maechtige
Burghuette → Maerjela → Riederalp → Bell → Mund
Dem Schuh geht's immer schlechter
Wieder einmal bin ich total kaputt und fertig. Gestern und Heute habe ich wieder einmal 3 Etappen zusammengefasst und wieder tut mir alles weh. Was ich aber heute erlebt hab, war atemberaubend

Die Nacht war sehr erholsam. Nur 1x stand ich auf, um mal schnell auf's Klo zu laufen. Schuld daran waren wohl die 3 Liter Rivella, die ich in mich rein schuettete. Bei dieser Gelegenheit zog ich auch mein langaermliges Oberteil aus, da es mir doch etwas warm wurde. Um halb 8 stand ich dann unten beim Fruehstueck, dass mir von Hubertus bereitet wurde. Kaese, Marmelade, Schokomilch und gutes Brot gab es. Fein. Mehr erwarte ich hier oben auch nicht. Die Rechnung belief sich dann auf unter 90 CHF... was im Tal ungefaehr der Preis fuer das Zimmer gewesen waere. Einziger Nachteil: Ich hab hier oben keine Dusche :-(. Konrad lag noch im Bett, da er sich irgendeine Infektion im Ohr eingefangen hat. So verabschiedete ich mich nur von Hubertus, der mir noch sagte, dass ich fuer den ersten Teil der Wanderroute besser den blauen Markierungen statt der Wasserleitung folgen sollte und wir verabschiedeten uns.

Das gefaehrliche erste Wegstueck
Die Spitze an meinem linken Schuh sieht von Tag zu Tag schlimmer aus. Ich hoffe lediglich, dass die Sohle noch 3-4 Tage haelt, bis ich meine Neuen bekomme. Ausgerechnet kurz vor Adelboden habe ich noch eine harte Etappe vor mir.

Zwar fand ich die blauen Punkte, die mir Hubertus beschreibte, dennoch entschied ich mich fuer den Weg, der ueber die festbetonierte Wasserversorgung ging als ich sah, dass dieser sogar drahtseilgesichert war. Rechts ging der glatte Fels steil bergab. Jeder Fehltritt waere deshalb mein letzter gewesen. 2 interessante Stellen gab es, wegen denen mir Hubertus auch den blau gepunkteten empfohlen hatte. Der Fels haengte dort zur guten Haelfte in den Weg hinein. So musste ich mit meinem Wanzt zum Felsen diese Stellen ueberwinden, wobei ich zuerst meine Kameratasche, welche am Wanzt hing, um den Felsen hiefte. Staendig konzentrierte ich mich bei jedem Schritt - wohl intensiver als jemals zuvor auf dieser Tour. Jeglichen Gedanken was wohl passieren koennte, wenn ich doch mal daneben treten wuerde oder vllt. sogar ein Stueck Beton abbroeckelt, verdraengte ich augenblicklich. Das mit Schutt beladene Zungenstueck des Fietschergletschers lag dabei die ganze Zeit unter mir. Nur in der Ferne konnte ich ein kleines weisses Stueck um die Kurve blitzen sehen.

Das Reststueck des Fieschergletschers
Diesen kritischen Weg hatte ich nach ein paar Minuten erleichtert verlassen. Und kam an eine Kreuzung, bei der die Beschilderung nicht ganz so eindeutig war. Da die Wasserleitung nicht der offizielle Wanderweg war, wusste ich naemlich nicht genau, wo ich war. Laut Karte geht es noch etwas noerdlich, weiter auf dem Weg, der leicht nach oben fuehrte und bald nach Sued-Westen abknicken sollte. Das tat auch ein anderer Weg, dem ich wieder weiter folgte doch irgendetwas machte mich stutzig. Eigentlich ist es schwer, kleine Wanderwege von unten zu sehen aber weiter oben schien es auch einen Weg zu geben. Also nichts wie ab! Die 30 HM legte ich in gewohnter Querfeld-ein Manier zurueck und siehe da! Das scheint ja wirklich ein viel besserer Weg zu sein. Bald auftauchende Markierungen bestaetigten auch, dass das der Richtige ist. Da ich fuer's erste nur 600 HM ab der Huette nach oben zu laufen hatte, gab ich auch etwas mehr Gas. Dabei ueberholte ich auch eine Gruppe von Leuten gemischten Alters, von denen einer fragte, ob ich auf der Via Alpina unterwegs bin. Jup. Die Frage ob ich schon laenger unterwegs bin, beantwortete ich dann auch mit ja und ging schnell weiter, da ich es eilig hatte.

Die Wattestaebchen der Ureinwohner :-)
Es war schon wieder kalt und ein flotter Aufstieg half dabei gut. Schnell kam ich hoeher. Die Berge sind wieder mal seltsam. Bei manchen Bergen kaempfe ich mich schon ab 2000 HM oder darunter mit Geroell und riesen Felsbloecken ab, hier war noch alles gruen - natuerlich zu meinem Erfreuen. So komme ich bequemer hoch. Von der Burghuette konnte ich kurz nach dem Verlassen nichts mehr sehen. Nur noch die Fahne, welche zwischen die 2 Felsen gespannt war, die ich Gestern mit Leitern rauf und runter ging. Kurz nach dem Uebergang, ab dem der Weg fast eben weiter fuehrte, standen mal wieder verlassene Huette und wieder dachte ich an die Not der Eigentuemer, die Huetten in dieser Hoehe gebaut hatten. Hier will doch keiner fuer laengere Zeit - zumindest bei diesen Verhaeltnissen - leben!!! Direkt bei den Huetten wuchs auch etwas, was ich bisher noch nicht gesehen hatte: Scheuchzers Wollgras, was so aussah wie ein Wattebausch an einem Stengel. Vllt. haben sich die Urbewohner damit die Ohren geputzt ;-).

Die Rasta Schafe
Die ganze Zeit wartete ich schon, endlich den Gletscher sehen zu koennen, doch ich musste mich noch etwas gedulden. Zur Ablenkung liefen hier seltsame schafaehnliche Tiere herum, allerdings viel putziger! Die hatten als Fell durchgehende Rastazoepfe und ein schwarzes Gesicht sowie schwarze Fuesse. Noch rechts vorbei an dem Vordersee, einem kleinen Stausee, stand ich vor der Gletscherstube, der einzigen Einkehrmoeglichkeit bis zum Etappenziel Riederalp. Allerdings lies ich diese Gelegenheit links liegen. Ich wollte so schnell wie moeglich weiter und bisher war ich auch noch weniger als 2 Stunden unterwegs. Vor allem wollte ich aber weiter, weil ich nicht wusste, wie das Wetter spaeter sein koennte und ich bis zur Riederalp oft direkt auf dem Grat laufen muss. Die Wolken standen auch nur 200 Meter ueber mir und wenn ich wegen einem Getraenk den Gletscher nicht mehr sehen haette koennen, waere das unverzeihlich gewesen!!!

Blick zurueck auf den Aletschgletscher - ist das nicht ein Anblick?
Dann konnte ich endlich den Gletscher sehen, zumindest ein kleines Stueck davon. Klein ist gut gesagt. Maechtig, richtig maechtig war dieser und viel groesser, als ich ihn mir in meinen kuehnsten Traeumen vorstellen haette koennen. Nach einem weiteren km konnte ich dann einen Kilometerlangen Gletscher sehen wie noch nie im Leben zuvor. Nicht einmal einen halb oder viertel so grossen und der ganze Gletscher war gar nicht zu sehen! Gestern dachte ich noch darueber nach, vllt. mit meinen Steigeisen auf dem Gletscher zu gehen aber das konnte ich total vergessen. Ueberall waren Spalten und viele Wellen. Der Anblick war einfach atemberaubend und weder in Worte, noch in Bilder zu fassen. Auf dem Gletscher selbst befanden sich 2 "Dreckspuren", die lt. Karte von den 2 Punkten stammen, an dem sich die 3 Quellgletscher beruehren.

Da muss man das Kotzen bekommen.
Der Weg fuehrte jetzt eine Zeit lang entlang des Gletschers in Richtung der Gletscherzunge. Staendig drehte ich mich um, um immer auf's Neue einen Blick darauf zu werfen. Wie ich feststellen musste, hatten auch die Gondeln ihren Betrieb aufgenommen. Grattler, Grattler und noch mehr Grattler, die mir in Scharen entgegenstroemten. Egal, wohin man blickte liefen die herum, viele mit Skistoecken bewappnet. Ich hab in meinem Leben noch nie so viele Grattler auf einem Haufen gesenen und alle liefen nur runter, niemand hoch. Wobei die Hochlaufenden ja keine Grattler waeren :-). Von Weitem konnte ich auch eine Gondelstation sehen, die Station Bettmerhorn. Ab dieser Station wurde es dann endgueltig zu einer Voelkerwanderung. Lt. Karte fuehren auch viele Bahnen hier hoch wo ich mir nur die Frage stelle, ob das denn wirklich sein muss. Ab diesem Erstkontakt mit der Bahn verlief der Wanderweg dem Grat entlang, der so breit war, dass man darauf haette Fussball spielen koennen. Ueberall befanden sich Spuren von kleinen Pfaden so dass ich oft die Qual der Wahl hatte. In vollem Tempo schepperte ich so ueber den Grat. Hier wollte ich so schnell wie moeglich weg. Was hier erst am Wochenende los ist, wollte ich mir erst gar nicht ausdenken.

Wieder mal ein Blick zurueck.
Die Riederfurka hatte ich dann kurz nach 12 Uhr auch endlich erreicht und kehrte erst mal ein. Eine O-Saft Schorle gab's hier nicht, weshalb ich eine A-Schorle nahm. Mitgebrachtes Essen durfte man hier auch nicht verzehren, und bei den Preisen in der Speisekarte verging mir auch jeglicher Appetit. Interesse halber fragte ich nach einem Preis fuer eine Nacht. 70 CHF und aufwaerts, je nach Tag. Ist ja "super". Nichts wie weg von hier! Nach 30 Minuten Erholung fuer meine Fuesse machte ich mich an die naechste Etappe ran. Zuerst musste ich wieder 700 HM zum Stausee herab. Das Aergerliche daran war, dass es auf der anderen Seite gleich wieder hoch ging. Der Weg an sich war aber auch schoen zu gehen, meist ueber weichen Waldboden. Kurz vor dem Damm fuehrte dann eine Treppe herunter, die in mir schon eine Art Ungemuetlichkeit ausloeste.

Riederalp mit Hotel & anderen Gebaeuden
Auf der anderen Seite des Damms erwartete mich aber etwas Schreckliches: Eine Turmtreppe mit Stufen aus Gittern. Ne. Sowas ist gar nichts fuer mich. Aus dem langen Oberteil, dass ich mir bei der Riederfurka angezogen hatte, schluepfte ich jetzt wieder heraus. 700 HM und ohne Wind schwitzte ich jetzt schon richtig. Die Treppe ging ich mit fast rasendem Puls hoch. Haette man da nicht zumindest nicht-durchsichtige Stufen nehmen koennen?!? Wieder mal versuchte ich mein Hirn auszuschalten. In der linken Hand hielt ich die Wanderstoecke, die rechte hing im starken Griff an dem Handlauf. So ging ich Stufe fuer Stufe und Kehre fuer Kehre nach oben. Schon seltsam. Heute Frueh haette ich beim Laufen ueber den Beton der Wasserleitung in den Tod stuerzen koennen und hatte damit keine Probleme, aber diese Treppe macht mir zu schaffen. Oben angekommen machte ich noch ein Foto herunter. Das musste noch sein. Der Rechte Ellbogen umschlang dabei das Gelaender :-)

Die Treppe beim Damm
Ueber eine Strasse ging es dann eine zeitlang weiter. Seltsam und lustige Dorfnamen haben die hier auch: Bitsch. Das koennte fuer eine Englisch-Sprachige seltsam klingen, wenn sie einen Bitscher fraegt, wo er herkommt :-). Ein Wanderweg fuehrte dann an den Ortsrand von Blatten, wo es nach ein paar Metern Teerstrasse wieder hoch ging. 700 HM waren jetzt noch zu schaffen. Der erste Teil ging noch ueber eine Schotterstrasse bis zu einer Bruecke geschlaengelt nach oben. Dann folgte ein Wanderweg mit einer schier unendlichen Anzahl an Kehren. Dafuer hatte der Weg eine relativ geringe Steigung. Als ich bei Laengwald heraus kam, war ich dann doch ueberrascht, wie wenig HM ich bisher zurueckgelegt hatte: Nur 400! Ich haette knapp 600 geschaetzt. Aber's hilft ja nix.

Der gemuetliche Weg hoch nach Bell
Weiter ging es hoch bis zur 2-ten Kreuzung mit der Forststrasse, der ich dann folgte. Hier oben standen sogar Autos und 1 km spaeter waere auch eine Kette gewesen [quer ueber die Strasse liegend] - zusammen mit Schloss, dass offen war. Wie gerne haette ich die Autos eingesperrt :-(. Aber ich bin ja ein lieber Wanderer. Die Forststrasse brachte mich vorbei an 2 Baustellen und dann nach Baell, das wieder mal aus vielen kleinen Haeuschen bestand. Dann sah ich auch noch das Dorf Belalp, zu dem ich zum Glueck nicht hoch musste. Das sah von der Ferne schon schlimm genug aus. Urspruenglich hatte ich ja vor, dort zu uebernachten, aber in Mund gibt es lt. Guide ein Lager, das doch deutlich billiger sein duerfte. Also nahm ich noch die 3 h Abstieg in Kauf.

Wieder mal ein Blick zurueck. Links im Bild ist das Dorf Belalp/Baeli, rechts sieht man immer noch den Aletschgletscher.
Die erste Zeit ging es auf gleicher Hoehe bleibend nach Sueden. Schon bald verlief ein kleiner, vermutlich extra angelegter Bach neben dem Weg, um in frueh[er]en Zeiten einen oder mehrere Aecker ausreichend bewaessern zu koennen - natuerlich unten im Tal. In Nessel beschloss ich dann doch noch eine Pause einzulegen, mein Mineralwasser zu trinken und eine Wurstdose zu futtern. Das tat auch richtig gut. Das Wasser in meiner Trinkblase war auch schon 3 (!!!) Tage alt und das Mineralwasser schmeckte noch frisch. Ab diesem Zeitpunkt trank ich auch nichts mehr aus der Trinkblase.

Der Wasserlauf rechts von meinem Weg.
Eine halbe Stunde goennte ich mir fuer diese Pause. Da der Himmel immer dunkler wurde und ich ein Dach ueber den Kopf wollte, hatschte ich dann doch noch weiter zum Abstieg. Jetzt waren noch 800 HM abzusteigen, die aber relativ schnell geschafft waren, da der Weg genau richtig steil war. Ach genau! Ich weiss ja nicht, warum man bei der Via Alpina ueber diesen Umweg gejagt wird, da man von Blatten auch im Tal direkt nach Mund gehen koennte. Ein Grund koennte nochmal ein Blick auf den Aletschgletscher gewesen sein, der jetzt schon in weiter Ferne lag. [Lange, wirklich lange Zeit brauchte ich dann fuer den Abstieg.]

Das kleine Dorf Nessel.
Mund war schon bald zu sehen, was mich freute da es sehr windig wurde und der Himmel dunkler. Doch wieder einmal musste ich zur Luftlinie nach Mund noch 2 km drauf schlagen, da sich der Weg wieder einmal in den Berg hineinschlaengelte. In Gmund fand ich dann erst mal eine Wirtschaft, bei der ich mir was zu Trinken bestellte. Da die Bedienung kein Spezi kannte, wurde es dann doch wieder mal ein Bier. Auf die Frage, wo hier das Matratzenlager sei sagte man mir, dass es Montags geschlossen hat! Fuck! Aber man telefonierte gleich herum und schon hatte ich ein B&B in der Naehe, dass nur 40 CHF kostet. Allerdings konnte ich dort erst um 19:30 Uhr hin. Ein Blick auf die Uhr zeigte erst kurz vor 18 Uhr an.

Haeuschen mit Maeuseplatten.
Da war doch ein kleiner Dorfladen direkt bei dem Wirtshaus. Meine Wandersachen und das halb ausgetrunkene Bier lies ich stehen und hatschte in meinen Sandalen schnell zum Supermarkt. Frischer Kaese, 2 Wuerste, 1 Bier, 1,5 Liter Wasser und einen O-Saft schleppte ich so in einer Tuete in die Wirtschaft, bestellte mir was zu Essen und fing das Schreiben an. Zu Essen gab es einen gemischten Salat und Gnochis all arabiata mit Safram, da hier tatsaechlich Safran angebaut wird! Das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Das hat alles super geschmeckt. Nach halb 8 rief die Wirtsfrau dann auch das B&B an und unterhalb der Kirche wurde ich auch schon erwartet und ins Haus gefuehrt. Ich muss wirklich sagen, dass B&B bisher spitze war - inkl. diesem. Gleich sprang ich unter die Dusche und wusch Unterhose und T-Shirt. Jetzt ist es schon wieder nach 12. Ich bekomme die letzten Tage zu wenig Schlaf, obwohl ich mich beim Schreiben sogar kurz halte :-(. Dann gute Nacht!