Tagebuchtage:
 
 
 
 
 
 
Donnerstag, 12.8.2010
Tag 65 - Mein erster Krampf, Scheiss Kompass Karte!!!
Cerellaz → Avise → Runaz → Lago de Lolair → Planava → Valgrinsenche → Bonne
"Toller" Start am Morgen.
Wieder mal ging ich zeitig ins Bett, nachdem ich mir noch 2 Sendungen auf dem Handy anschaute, die ich mir u. a. vor dem Start der Tour auf's Handy gespielt habe. Bei offenem Fenster zog ich das duenne Laken ueber mich, auf eine Decke verzichtete ich. Dann fing es zu regnen an, worueber ich mich sehr freute. "Hoffentlich haut es das ganze Zeug ueber Nacht und von mir aus auch morgen runter" dachte ich mir. Ein heftiger Donnerschlag riss mich noch einmal aus dem Halbschlaf, ehe ich ganz einschlief. Dann riss es mich aus dem Schlaf, wie schon oft zuvor: Meine rechte Wade war kurz vor dem Verkrampfen. Dieses Mal aber schaffte ich es nicht, sie zu beruhigen. Etwas schoenes hatte es auch: Um den Schmerz etwas zu lindern, hielt ich mit beiden Haenden die Wade fest, die einfach nur hart wie Beton war. Ein paar Sekunden spaeter hatte der Spuk ein Ende. Es war wohl so gegen 3 Uhr, als ich mit schmerzender Wade und was noch schlimmer war, mit noch immer schmerzender Sehne am rechten Fuss wieder einschlief.

Gut gepolsterter Weg ist halb abgestiegen.
In der Frueh wachte ich dann von alleine auf und machte erst mal die Fensterlaeden zu, da es doch recht kalt war mit dem Laken. Des oefteren drehte ich mich um. Es rentierte sich nicht, vor dem Klingeln des Weckers aufzustehen, da es das Fruehstueck erst ab 7 Uhr gab. Dann schaute ich doch mal auf die Uhr. 7:01. Ja fix. Da ist gestern etwas beim Stellen des Weckers schief gegangen. Also schnell auf, Zaehne putzen und ab zum Fruehstueck, das wie schon in Italien erwartet nicht der Burner war. Das Brot von gestern, Marmelade, heisse Schokolade. Von dem Brot stopfte ich mir rein, was ging. Schliesslich hatte ich dafuer bezahlt. Ich bin ein richtiger Vielfrass in der Frueh geworden und damit das genaue Gegenteil zu dem, was ich am Anfang von der Tour war.

Das erste Dorf im Tal
Die Rechnung ueberraschte mich dann etwas. Nur 55 € zahlte ich. Das Wasser und der Wein, den ich zum Abendessen trank war richtig billig. Nur das grosse Bier kostete etwas mehr, aber das war es mir wert. Ein Eis hatte ich auch noch. Das Zimmer war auch noch sehr schoen. Wenn ich ueberlege, was ich teilweise in der Schweiz fuer das letzte Drecksloch ohne HP bezahlt habe. Draussen regnete es immer noch leicht, weshalb ich den kompletten Regenschutz anlegte. Wie ich es schon oft erlebt habe, war der Schmerz bei meiner Sehne vollstaendig "ueber Nacht" verschwunden. Das einzige, was meinem Koerper fehlte war die ueber Nacht verkrampfte Wade und die 2 Blasen an den Fersen. Auf letztere kamen 2 Blasenpflaster, ohne diese festzukleben und darueber die Fussteile der Strumpfhosen. Meine Wade dehnte ich schon seit dem Aufstehen. So startete ich kurz nach 8 Uhr die heutige Etappe.

Blick zurueck zum Dorf vom morgigen Start.
Die Strasse lief ich dann wieder zurueck bis zum Ende des Dorfes, von wo der Wanderweg weiter ging. Ueberall sah ich kleine Wolken in den Bergen. Wie kleine Kinder spielten sie mit dem Licht der Sonne und auch mit mir. Mal nahmen sie mir die Sicht, mal gaben sie sie mir wieder zurueck. Der Wanderweg war wieder mal seltsam. Viele kleine Wege zweigten staendig ab, sodass ich mehr und mehr ein Unwohlsein verspuerte, moeglicherweise auf dem falschen Weg sein zu koennen. Den Markierungen war ja nicht zu vertrauen wie ich gestern feststellen musste. Dieses Mal schien aber alles richtig gewesen zu sein. Zuerst wieder eine Suone folgend, kam ich danach sehr schnell runter und nach 20 Minuten bestaetigte mir ein Wegweiser, dass ich hier auch auf dem richtigen Pfad war.

Die alten preparierten Serpentinen.
Schliesslich kam ich bei ein paar Haeusern heraus, die mir wieder bestaetigten, richtig zu sein. Von hier ging eine Teerstrasse rueber nach Avise. Mittlerweile hatte ich es auch aufgegeben, mit Hilfe der Kompass Karte zu erkennen, wo ich war. So lief ich einfach nach Gefuehl. In Avise selbst fand ich leider wieder mal keinen Dorfladen. Auch der Campingplatz sah mir nicht so aus, als ob dort etwas zu holen waere. So lief ich der Strasse entlang weiter und ueber die Bruecke der Schlucht. Strassenschilder zeigten mir dann, wo die Strasse nach Runaz ging, wo ich ein paar Minuten spaeter schon war. Immerhin war dann die Angabe in der Kompass Karte richtig, dass ich die erste kleine Strasse links hoch muesste, wo ich nach einiger Zeit auch weitere Wegweiser fand und schon ging es mit dem Aufstieg los. Erst mal ueber eine alte Strasse, von der ich bald weg kam. Der Regen hatte mittlerweile schon aufgehoert und ich zog zumindest meine Regenhose aus, welche ich mir in den kleinen Sack verpackt, an meine Kameratasche haengte. Mit dem naechtlichen Regen und der herauskommenden Sonne wurde es auch recht schwuel. Meine Regenjacke behielt ich aber weiterhin an, allerdings weit geoeffnet.

Der See beim Blick zurueck.
Auf der gegenueberliegenden Seite des Tals konnte ich noch einmal zum heutigen Startpunkt der Etappe zurueckblicken. Es war wieder einmal schoen zu sehen, wieviel ich schon wieder zurueckgelegt hatte. Der bald abknickende Weg war jetzt ein richtiger Wanderweg. Steil und mit vielen Kehren stieg ich hoeher. Ueber die Urspruenge des Weges kann ich nur Vermutungen anstellen. Sehr oft war der Weg mit Steinen in den Hang hineingebaut. Immer breit genug, um ein kleines Waegelchen darauf ziehen zu koennen. Zur Abwechslung nahm mir mal wieder eine Wolke die Sicht. Als ich dann aber etwas vom Wald herauskam, konnte ich ins langgezogene Tal nach Aosta blicken, in dem sich die Wolken wie zufaellig verstreut durchzogen. Etwas unsicher, ob ich auch auf dem richtigen Weg war, ging ich weiter, jetzt den Hang entlang in das Tal hinein.

Einer unter vielen abzeigenden Wegen.
Ohne viel abzufallen stieg der Weg hoeher [Logik laesst gruessen] und kurz nach einem Wegweiser und dem Anblick des kleinen Sees "LoLair" war ich mir wieder sicher, auf dem richtigen Weg zu sein. Wieder ging der Weg entlang vieler Stein-befestigter Wege weiter, wobei es viele Abzweigungen gegeben haette, waeren diese nicht zugewuchert gewesen. Das muss hier vor vielen Jahren sehr interessant ausgesehen haben. Endlich kam ich in Milliery heraus und hatte damit die meisten HM geschafft. Viel gab es hier wieder mal nicht zu sehen, da ich schon wieder von einer Suppe eingehuellt wurde. Wieder einmal dem Weg folgend, der mir am richtigsten erschien, musste ich noch einer Flut aus Wasser ausweichen. Die Felder werden hier einfach mittels Ueberschwemmung bewaessert. Schoen fuer's Feld, schlecht fuer mich. Ueber den ueberschwemmten Weg ging ich dann eben einfach watend und nach ein paar Minuten trockenen Weges kam ich endlich in Baulin heraus.

Der ueberschwemmte Weg.
Bei einer Treppe entledigte ich mich jetzt der Regenjacke. Ich schwamm geradezu in meinem eigenen Schweiss nach den 1000 HM Anstieg. Die Jacke haengte ich dann auch zwischen Toptaschen und Hauptfach meines Rucksacks, da sie pitschnass geschwitzt war. Jetzt ging es erst mal wieder die Strasse 200 HM runter, wobei ich jegliche Wegpfeile ignorierte, welche mich moeglicherweise von der Strasse haetten wegfuehren koennen. So ganz schlau werde ich aus den Pfeilen auch nicht. Die ganze Zeit sehe ich gelbe Pfeile, die die richtige und offizielle Markierung sind, dann aber auch noch viel weisse und rote, die auch so eine Art Markierung darstellen, nur welche weiss ich einfach nicht. Auf der Strasse kam mir auch noch eine Horde Kuehe entgegen, die aber schoen brav aus dem Weg gingen. Bei einer Mauer schien dann noch eine Quelle zu entspringen, die aber nur dem starken Regen zuzuschreiben war.

Der verschissene Weg.
2 Kehren und ein bisschen Hatsch weiter war ich dann in Planava, wo ich in irgendeinem Hotel eingekehrt bin. Erst mal gab es ein grosses Bier und eine Schocki, die im Regal herumstand, fuegte ich meinem Proviant hinzu. Die uebliche halbe Stunde verbrachte ich damit, das Bier zu trinken, in der Sonne zu trocknen und meine Fuesse zu begutachten. Die Blasenpflaster sind mittlerweile bis zur Laufflaeche heruntergerutscht, weshalb ich sie gleich komplett wegriss. Meine Blasen sind in den paar Tagen tatsaechlich soweit verheilt, dass ich zumindest mit Strumpfhosenteilen gut laufen konnte. Zum Abmarsch holte ich mir noch ein Magnum mit weisser Schokolade, da die Sonne wieder durch ein paar Wolken hindurch schien und ich irgendwie Lust auf Eis hatte.

In einem solchen Haeusle wuerde es mir schummrig werden.
Schon nach weniger als 5 Minuten war das Eis verputzt und ich lief sobald auf der Hauptstrasse, die durch das Tal fuehrte. Wieder einmal war in der Kompass Karte der Wanderweg entlang der Hauptstrasse eingezeichnet, wobei der tatsaechliche Wanderweg von der Strasse weg auf die andere Seite des Flusses ging. Was fuer eine mistige Wanderkarte. Das Ganze hatte nur einen Haken: Die Wegmarkierungen waren nur wenig bis gar nicht vorhanden, was fuer mich aber dieses mal o.k. war. Weit hatte ich es ja nicht mehr und sollte ich mich verhatschen, muesste ich "nur" ueber den Fluss auf die Strasse rueber kommen. In der Tat verlief ich mich einmal zur Kapelle hin, wobei ich gleich wieder den Weg hin zu einem Feldweg fand. Ich wusste zwar nicht, ob ich hier richtig war, aber ich folgte dem Flussverlauf, was ja an sich nicht schlecht war. In der Tat fuehrte dieser Weg ins naechste Dorf und hatte sogar eine einzige Wegmarkierung auf halber Strecke. Vom naechsten Dorf suchte ich den naechsten Feldweg und siehe da, auch dieser folgte dem Fluss und bald verlief der Weg auch direkt neben dem Fluss.

Der unmarkierte Wanderweg.
Da ich die ganze Zeit keinen auf "meinem" Weg sah, sondern nur Leute und Wanderer auf der Strasse laufend, war ich wohl der einer der wenigen, die sich fuer diesen unbeschilderten Weg entschieden. Eine Wegmarkierung war auch weit und breit nicht mehr zu sehen, aber das war aufgrund der Wege, die auf beiden Seiten des Flusses waren, auch nicht noetig. Irgendwann kam ich dann wieder auf die Strasse raus und es war nur noch 1 km bis ans Ziel. Jetzt wollte ich auch nicht mehr extra einen Umweg ueber einen Wanderweg nehmen, auch wenn der entlang des Flusses sehr schoen war. Die paar Schilder, auf denen eine Schlafgelegenheit ausgeschrieben war, ignorierte ich. Weiter vorne werde ich schon etwas Passendes finden.

Und weiter auf der anderen Seite des Flusses.
Das Dorf Valgrisenche betreten, ging ich erst mal auf einen Campingplatz und schaute in ein Zelt rein. "Vllt. verkaufen die dort mitnehmbare Vorraete" dachte ich mir und von einem anderen Zelt kam sogleich ein Mann heraus, der irgendwas daher plapperte. Natuerlich verstand ich nix. Als er aber das Wort "privato" verwendete, war mir schnell klar, was los war. So entschuldigte ich mich mit 2x "Skusi" und lief eilig davon. Die Touristeninformation in dem Dorf hatte auch noch zu und statt in die naechste Bar einzukehren um die Zeit tot zu schlagen [natuerlich mit Bier] lief ich einfach weiter. In einem waren die Kompass Karten naemlich in der Tat gut: Viele Hotels, Einkehrmoeglichkeiten und sonst was waren hier auch in Tallage eingezeichnet und da kamen noch 2 Stueck.

Der Campingplatz, der keiner war :-).
Dann sah ich auch den Staudamm und davor das naechste Hotel, das ich sogleich ansteuerte. Nur kam mir das auf den ersten Blick gleich etwas teuer vor. 300 Meter vor dem Eingang meinte es das Wetter doch noch einmal schlecht mit mir und es fing leicht das Regnen an. So war ich dann noch schneller im Foyer des Hotels, nur war die Rezeption unbesetzt. Auf einer Liste konnte ich aber lesen, dass ein Zimmer 68 € mit HP kostet!!! Definitiv zu teuer. Also war verhandeln angesagt. Ein Mitarbeiter teilte mir dann aber mit, dass der Manager erst in einer halben Stunde wieder hier sei. Also geh ich eben weiter. Ueber dem Damm soll es ja noch eine Unterkunft geben.

Unten am Damm.
Bei Nieselregen, der schon bald aufhoerte, lief ich erst mal direkt bis vor den Damm, an dem es einen Campingplatz gab. Auch dort fand ich keine Einkaufsmoeglichkeit :-(. Zum Glueck fuehrte aber ein kleiner Pfad den Damm hinoch [hin und hoch = hinoch :-)], der (das ueberraschte mich nicht mehr) nicht in der Karte eingezeichnet war. Ein gutes Stueck hoeher war ich dann schon in Bonne, dem naechsten Dorf und fand sogleich das naechste Hotel - und meine letzte Chance, etwas Guenstiges zu finden. Immerhin sprachen die dort schon mal Englisch, nur mit dem Preis war ich noch ueberhaupt nicht einverstanden. Deshalb fragte ich nach einem billigen Zimmer, wo sich beim Preis nicht viel aenderte. Als ich dann meinte, dass ich mich noch ein bisschen umschauen will, wurde es endlich billiger und 50 € fuer HP in einem schoenen Hotel finde ich auch nicht so unglaublich teuer.

Oben in Bonne mit einem wunderbaren Ausblick und einer Bluetenpracht.
Das Zimmer war auch sehr schoen und wieder mal hatte ich Internet fuer umsonst. Im vorherigen haette ich dafuer wieder extra zahlen muessen, wie wenn 68 € nicht teuer genug waeren. Meine Sachen wusch ich auch gleich. Inkl. Regenhose und -jacke. Vor allem die Jacke stank regelrecht nach Schweiss!!!

Zum Abendessen gab es fuer mich 2x Cremesuppe, 1x Omlette mit Kartoffeln und Salat und 2x Kuchen. Alles hat hervorragend und echt lecker geschmeckt. Ohja. Nachmittags goennte ich mir auch noch ein Stueck Kuchen und einen Kaffee. Gegessen hatte ich ja zu Mittag schon wieder nichts. Ich hoffe jetzt morgen auf gutes Wetter. Ich muss unbedingt ueber den Pass und es gibt keine Alternative. Der Wetterbericht verspricht aber zumindest gewitterfreien Himmel.