Tagebuchtage:
 
 
 
 
 
 
Donnerstag, 22.7.2010
Tag 44 - Der Wanderweg war umsonst wegen Regen
Prato → Monti di Rima → Croadasc → Monti di Rima → Menzonio → Cavergno → Fontana → San Carlo → Robiei (Cap. Basodino)
Der Regen hatte schon eingesetzt. Bald wuerde ich umkehren.
Ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll zu schreiben. Wieder sind 2 Etappen totgeschlagen, aber nicht so wie ich es vor hatte. Im Schutzraum konnte ich nicht so gut schlafen. Das war sicher ganz lustig, vor allem als ich die Tuer einmal sicher verschloss, aber leider war dort unten auch keine Luftzirkulation. Einerseits hiess das, dass die Luft unangenehm still stand und auch etwas warm war, andererseits musste ich in der Frueh feststellen, dass noch viele gewaschene Kleidungsstuecke feucht waren - dazu gehoerte auch meine kurze Zipperhose. Schon ueber eine Stunde vor dem Weckton wurde ich von Regen und etwas Donnergrollen geweckt. Das wird sicher ein scheiss Tag dachte ich mir und das wurde es auch - bis auf die Sache, dass ich jetzt auf einer Huette bin :-).

Auf halb 7 bestellte ich das Fruehstueck. Am liebsten haette ich aber laenger geschlafen um eine Besserung des Wetters abzuwarten, nur laesst sich das jetzt schlecht anstellen. Also stand ich auf und liess die schon erwaehnten nassen Sachen erst einmal haengen statt meinen Rucksack zu packen. Das Fruehstueck bot das, was man sich wuenscht. Frisches Brot, O-Saft, Wurst, Kaese, Joghurt, ... In aller Ruhe stopfte ich mich voll bis nichts mehr rein ging und das war Heute viel. Ein Brot mit Wurst kam in meine Schmugglertuete. Der Wirt war so freundlich, mich an seinen PC zu lassen. So konnte ich eine Ausweichroute fuer die heutige Tour ausmachen, die mich ca. 12 km um den Berg herumfuehren wuerde. Der Wirt gab mir auch einen detailierten Wetterbericht mit Wetterradar, was aber nicht so viel brachte, da der Regen in dieser Region immer wieder aufblitzte und verschwand. Gewitter war wie schon seit laengerem auch fuer die suedlichen Alpen gemeldet. Ich dachte mir mal wieder, dass man auf den Wetterbericht wieder mal pfeifen kann, packte meine Sachen und ging kurz nach 8 Uhr los.

Der Wanderweg war doch etwas glitschig.
Die Wolken hingen tief - sehr tief. Dunkel waren sie auch schon, doch auf der Seite, zu der ich hochsteigen wollte, sah ich ein Stueck blauen Himmel. Vielleicht, wenn ich Glueck habe, weht von der anderen Seite ein Stueck blauer Himmel herueber! Zuerst musste ich die 200 Meter zurueck nach Prato und beschloss dann, mein Glueck zu versuchen. Immerhin muss oben beim Uebergang ein gewisser Olimpio viele Stufen in den Stein gemeiselt haben, was ich mir wg. ein bisschen Wolken nicht entgehen lassen wollte. Wunderbar angenehm fuehrte der Pfad durch ein Waeldchen. Wie schon oft zuvor musste ich mich bremsen um nicht mein ganzes Pulver am Anfang zu verschiessen. Der Himmel sah soweit gut aus und 300 HM spaeter war ich schon in "Monti di Rima". Gleich ging ich weiter hoch. Ich wollte keine Zeit verschwenden. Weiter ging's ueber ein Waldstueck, dann nochmal ueber ein bisschen Strasse und wieder in den Wald. Ueber 500 HM hatte ich bisher geschafft [Naja, vllt. waren's auch nur 400]. Fast die ganze Zeit hoerte ich ueber mir Tropfen auf Blaetter fallen, was aber der Restregen vom Morgen war, der herunter tropfte. Dann aber fing es an, richtig zu regnen. Das war wirklich nicht mehr schoen. Zum Glueck fand ich gleich einen Nadelbaum. Die scheinen mir am meisten Schutz vor Regen zu geben. Schnell zog ich saemtliche Regenschutzsachen ueber mich und mein Equipment. Nach weiteren 3 Minuten beschloss ich dann die Alternativroute zu nehmen [was Umkehren bedeutete, aber es schuettete in diesem Moment wie aus Eimern]. Da der Weg auf der anderen Seite nach dem Pass sehr steil herunterfuehren soll, waere Regen das Schlimmste, was da kommen haette koennen. Der Abstieg [also wieder zurueck] kam mir laenger vor als gedacht. Wie so oft schaltete ich auch heute fast alles bis auf mein Wanderzentrum und das nur an Bloedsinn denkende ab. Es ist schon interessant, dass ein Wanderweg wirklich anders aussieht, wenn man ihn anders herum geht. Zurueck in "Monti di Rama" stieg ich aber nicht den gleichen Weg ab sondern entschloss mich, ueber einen Wanderweg abzusteigen, der gleich in die richtige Richtung geht. Es regnete immer noch in Stroemen. Das war das einzige, was mich freute, aber nicht lange.

Der Weg durch's Dorf Cavergno am suedlichsten Punkt der heutigen Etappe.
15 Minuten spaeter besass dann die Sonne die Frechheit, mir seitlich ins Gesicht zu scheinen [immerhin nicht aus der Richtung des Uebergangs]. Das darf doch nicht wahr sein! Ich war mir aber sicher, dass die Regensuppe immer noch hinter mir stand und jetzt kehre ich sicher nicht mehr um! Das schoene an diesem Wanderweg war, dass ich an vielen kleinen Steinhuetten vorbeikam und diese auch noch genutzt wurde. Der Regen hatte schon lange aufgehoert als ich mich dazu entschloss, aus meinem Regenzeug zu steigen. Ich schwimmte regelrecht darin [In meiner eigenen Suppe]! Bei dem Dorf Menzonio ging dann der letzte Wanderweg runter zur Strasse, auf der ich einige km zu laufen hatte. Monoton wie ein Roboter setzte ich einen Fuss vor den anderen. Mein Glueck, dass ich seit den letzten Wochen mit dem Wetter hatte, hat mich heute endgueltig verlassen. Es war schwuel und nicht mal die Sonne scheinte. Auf der Hauptstrasse ging ich gute 200 HM bergab, bis ich in Cavergno ankam. Bei einem Supermarkt nutzte ich die Gelegenheit und kaufte noch eine extra Dose Wurst und eine Rivella, die ich gleich austrank. Nach weiteren 2-3 km Hauptstrassenhatsch kam ich in Fontana an, welches das Etappenziel fuer heute waere.

Der Weg durch's Dorf Cavergno am suedlichsten Punkt der heutigen Etappe.
Bei Grotte di Baloi machte ich dann Halt. O-Saft mit Mineralwasser gab es erst einmal zur Erfrischung. Ein Zimmer haette ich hier auch bekommen, aber fuer 40 CHF und 10 CHF haette ich fuer ein Fruehstueck drauflegen sollen. Beim Herlaufen hab ich mir aber spasshalber vorgenommen weiterzulaufen, wenn ich vor 12 Uhr ankomme und das war auch der Fall. Vllt. war das auch keine gute Idee, aber ich wollte hier nicht den ganzen Nachmittag versauern. Eines wusste ich aber auch: Mit den Wanderschuhen brauche ich nicht weiter zu laufen und die Wanderwege neben der Strasse brauche ich auch nicht benutzen, da diese mehr Zeit in Anspruch nehmen wuerden [und total verschlammt waeren]. Also zog ich wieder einmal meine Schlappen an, hielt meine Stecken in der einen Hand und meine [an den Schnuersenkeln] zusammengebundenen Schuhe in der anderen. Wieder mit einer roboterhaften Einstellung latschte ich der Strasse entlang, ein[en] Fuss nach den anderen setzend. Ab und zu wechselte ich die Schuhe mit den Stoecken um das Gewicht wieder anders zu verlagern. Recht schoen war das Tal. Wieder stuerzten von ueberall Wasserfaelle herab, Haeuser waren unter hunderte Meter senkrechte Felswaende gebaut, alles sah sehr nett und liebevoll aus. Ich kam sogar bei einer Wiese vorbei, auf der eine Gruppe Jugendlicher zelteten. Die verfluchten vermutlich auch das schlechte Wetter, aber immerhin hatte es seit Stunden nicht mehr geregnet. Kurz vor San Carlo ging es dann aber doch noch los. Zuerst mit einem leichten Troepfeln, bei dem ich sogar an einer Kapelle mit prima Unterstand vorbeilief. Dann legte es richtig los. San Carlo war bereits in Sicht. Einigermassen unter einem Baum vor dem Regen geschuetzt zog ich wieder die Wanderschuhe an um meine Socken noch etwas trocken zu halten, wobei der Zehenbereich sowieso wegen der Restnaesse auf der Strasse durchnaesst war. Die letzten Meter legte ich dann in stroemenden Regen zurueck in der Hoffnung, dass es in San Carlo einen Unterstand gibt.

Der lange Strassenhatsch...
Das war sozusagen auch der Fall: Kurz nach der Bruecke war das Ristorante Basodino, das draussen Pavillions aufgebaut hatte. Ein Tisch darunter war genau richtig fuer mich, doch was nun? Erst einmal ein Radler! Dann sieht die Welt doch gleich besser aus. Dann noch einen Kaese. 100 Gramm mit viel Brot sollten es sein. Mir knurrte schon maechtig der Magen. Mein kleines Schmugglerbrot ass ich kurz vor Fontana und das zaehmte auch nicht wirklich den Hunger :-(. Da ich zum Kaese viel Salz ass, hatte ich wieder mehr Durst. Also bestellte ich mir noch ein Radler was aber eher Bier als Radler war. Auch hier fragte ich nach einer Uebernachtung, aber eher aus Recherchegruenden fuer andere Via Alpina Gaenger, da ich diese Infos als Kommentar auf der Website hinterlassen will [was ich gerade auch gemacht hab]. Ich weiss auch nicht genau, warum ich mir das antue, bei stroemenden Regen noch 900 HM hoeher zu steigen. So gut wie jeder andere haette spaetestens hier ein Zimmer genommen und den Regen Regen sein lassen. Weder wusste ich, ob es in der Huette eine heisse Dusche geben wuerde, noch ob es ueberhaupt eine Dusche gibt, wobei ich mich noch nie unter eine kalte gestellt hab, nur einen Bruchteil einer Sekunde wenn das Wasser kalt wurde. Ich glaube, dass ich es einfach brauche, das letzte aus mir herauszuholen, bis an die Grenzen zu gehen, den Schweinehund zu ueberwinden. Erst dann kann ich das Leben durch den starken Kontrast geniesen. Wer noch nie gelitten hat weiss doch nicht, wie gut man es hat, wobei es mir selbst bei stroemenden Regen und stundenlangem Wandern besser geht als vielen anderen Menschen...

Die Staerkung vor dem bevorstehenden Aufstieg
Den Weg von der Karte praegte ich mir gut in meinen Schaedel - mehr oder weniger. Bei dem Regen wollte ich nur ungern die Karte auspacken. So schoen die Swiss Topo Karten auch sind, Regen verkraften die ueberhaupt nicht. In meine etwas nassen Regensachen kroch ich auch noch schnell rein und los ging es. Ab in die Suppe! Apropos Soup! Hier wird allmaehlich mehr Franzoesisch gesprochen. Das erste Wegstueck war eine Strasse, die sich spaeter in einen Schotterweg umwandelte und die meiste Zeit serpentinenmaessig hoch fuehrte. Als Zeitangabe stand unten 2:40 Stunden. Das konnte ich sicher weit unterbieten. Mit leichter koerperlicher Zurueckhaltung stuermte ich hoch. Eines konnte ich mir sicher sein: Da hier so viel Touristen herumschepperten, muss der Weg gut praepariert sein. Schliesslich fuehrt eine Gondel die 900 HM hoch. 900 HM... wenn ich das so schreibe kommt mir das doch viel vor, aber das musste ich mir einfach geben. Die erste Haelfte hatte in der Tat etwas von einer Autobahn, was mir ganz recht war. Schnell kam ich hoeher, huepfte schon fast den Berg hoch. Da faellt mir ein, dass heute beim Abstieg vllt. 4 Meter vor mir 2 Gamsen waren, die fluchtartig den steilen Hang heruntersprangen. Wahnsinn! So etwas hab' ich noch nicht gesehen. Der Hang hatte eine Steigung von mind. 80 Grad und die sprangen Meterweit runter. Meine Spruenge beim Aufstieg waren wohl eher als mickrig zu bezeichnen aber letztendlich kam ich auch zuegig an einem schoenen Flusslauf hoch.

Mit Erreichen dieses Dorfes war die Haelfte des Aufstieges geschafft.
Ueber eine Bruecke kam ich dann nach Campo, was mir sagte, dass die ersten 400 HM erledigt waren. Das ging schon mal schnell. Der weitere Weg war nicht mehr ganz so gemuetlich aber dennoch gut zu gehen. Allmaehlich wurde es steiniger und der Nebel wurde dichter. Dafuer hatte der Regen etwas abgenommen, sodass ich wenigstens meine Kapuze abnehmen konnte. Mein Kopf konnte sowieso so nicht mehr nasser werden, da er schon komplett durchschwitzt war. Heute konnte ich sogar selbst riechen, wie sehr ich stinke, obwohl ich mich Gestern duschte. Mit den dichten Regenklamotten scheint sich der Gestank zu halten. Schnell kam ich auch in der weiteren Haelfte hoch, was mir doch sehr zu denken gab. Woran koennte das liegen? Dem guten Essen von Gestern, dem Kaese mit Brot, allgemein, dass es nur 900 HM hoch ging oder meiner Vermutung, dass die Strecke unter 2000 HM lag und ich mittlerweile mehr rote Blutkoerperchen hatte? Wie schoen waere es, darauf eine Antwort zu haben. Rechts vom Fluss ging es hoeher, was mich etwas verwunderte, aber der Weg fuehrte ohne Abzweigung hoch - soviel wusste mein Hirn noch, obwohl es auf Aufstieg geschalten [also aus] war. Wieder fuehlte ich mich wie eine Maschine, die nur zum Laufen geschaffen wurde.

Das Auto Transport Teil.
Ueber mir sauste im Schneckentempo ein Auto bergab... mit einer scheiss Gondel, die hier hoch fuehrt [Ja ZEFIX!!! Da koennte ich immer noch fluchen!!! SOLCHE GRATTLER!!! UND AUCH NOCH EIN GANZES AUTO!!!]. Toll. Jetzt werden nicht nur Personen sondern auch Autos mit Gondeln transportiert. Was fuer eine Scheisse! Bald konnte ich auch die Huette sehen, dem Lichtblick am Ende des heutigen Hatsches. Nur noch vllt. 250 HM trennten mich von dieser. Dann war ich am "Safe-Place", ueberdacht und mit einem Dach ueber dem Kopf. Der Weg zog sich aber noch ein kleines bisschen hin. Die Markierungen waren gut von Weitem zu sehen, aber viele Wege fuehrten dorthin. So konnte ich mich fuer den bequemsten Weg entscheiden. Am Schluss gelangte ich noch ueber eine Bruecke ueber den Fluss. Die Bruecke hatte zwar die Eigenschaft, mit einem rechtwinkligen Lochblechzeug geschaffen zu sein, so dass man direkt runter schauen konnte aber mir war das jetzt auch egal. Schnell war ich drueben bei der Huette und zog erst mal im Vorraum mein ganzes Regenschutzzeug aus. So konnte ich nicht in die Huette. Beim Prinz Luitpold Haus vor ueber einem Monat war ich so fertig, dass ich das nicht mehr kapierte. Heute aber war es bis auf den Regen ein "gemuetlicher" Hatsch.

Fast geschafft - die Huette
In der Huette selbst sollte ich mich erst mal ins Huettenbuch eintragen. Nur war ich so pitsch nass (die Regenklamotten hatte ich schon aus!), dass ich vorschlug mich erst einmal zu duschen. Die haben hier naemlich heisse Duschen fuer 5 CHF fuer 5 Minuten. Als ich die Duschmuenze einwarf, freute ich mich schon auf eine heisse Dusche. Doch die war nach 20 Sekunden wieder aus. Also zog ich wieder meine nasse Unterhose und das T-Shirt an und stiefelte wieder hoch und fragte nach ob das vllt. statt 5 Minuten doch nur 20 Sekunden waren. Dann gaben die mir gleich 2 Duschmarken. So konnte ich auch in aller Ruhe duschen, wobei ich die 2-te Marke nur angebrochen hatte. Da ist wohl die Zeituhr etwas defekt. Vor dem Essen stopfte ich mir noch ein Stueck Kuchen rein, der auch hier oben gebacken wurde. Sehr lecker. Das Essen war bis auf die Polenta 1A. Polenta kann ich bald nicht mehr sehen. Ich hasse das Zeug einfach, egal in welcher Form es gebracht wird. Es gab zur Vorspeise erst einmal Gemuesesuppe, in die ich geradezu Salz reinschmiss. Danach verlangte mein Koerper! Als Hauptgericht gab es den Polenta Brei zusammen mit etwas Gullasch aehnlichem, was wieder sehr lecker war. Zum Dessert dann Fruchtcocktail. Mittlerweile bin ich beim vllt. 5-tehn Bier, aber das hab ich mir heute wohl auch verdient. Sogar meine Kammeratasche stinkt mittlerweile sakrisch. Da ich sie an meinem Brust-Bauch Bereich trage, tropfen immer die Schweisstropfen von meinem Kopf darauf und der Schweiss meiner Brust zieht dort mit ein. Die werde ich dann auch in 1 1/2 Wochen waschen muessen. Auch wenn es prima ist, weil die Muecken und Schnaken die Tasche statt mir bevorzugen.

Was mich immer wieder fasziniert ist der Unterschied der Natur wie man sie sich auf der Wanderkarte vorstellt und wie sie sich in Wirklichkeit darstellt. Viel komplexer und fantasievoller als es ein Mensch jemals sein koennte [Als es sich ein Mensch vorstellen koennte]. Einen tollen Trockenraum haben die hier im uebrigen auch. Es scheint, als ob tatsaechlich alles trocken wird, wenn ich morgen los hatsche.