Tagebuchtage:
 
 
 
 
 
 
Sonntag, 15.8.2010
Tag 68 - Erkaeltet laeuft sich's schlecht
Refuge du Plan du Lac → Pont du Villard → Termignon → Bramas → La Norma → Modane → Le Charmaix
Nur 100 HM ueber meiner heutigen Unterkunft ist der Schnee gefallen!
Allmaehlich komme ich mir bloed vor immer zu schreiben, dass ich total fertig bin. Heute aber ist das sicher gerechtfertigt, da ich ueber 35 km mit einer Erkaeltung zurueck legte. Doch dazu spaeter mehr. Ich hab jetzt ueberhaupt keine Lust, den Scheiss zu schreiben, wuerde es aber in ein paar Wochen, Monaten oder Jahren sicher bereuen.

Hier ist der Schneefall noch deutlicher zu sehen.
Da es im Zimmer immer noch schweinekalt war, schaffte ich meine zu trocknenden Sachen in den Gastraum. Alle anderen waren schon gegangen. Leider konnte ich nicht einmal die Wandsockelfarbe annehmen, die mir angeboten wurde. Statt mit der Decke zu schlafen, stieg ich gleich in meinen Schlafsack, der unglaublich gut warm haelt. Gerade bin ich auch den eingemummt, weil die Heizung im Zimmer [in dem ich mich beim Schreiben befinde] abgeschaltet ist :-(. Als ich aufstand, zog ich gleich meine Socken an. Es war noch kaelter als beim ins Bett gehen. Ich bemerkte auch gleich, dass meine Erkaeltung nicht viel besser geworden ist. Mein Hals schmerzte noch mehr als gestern und beim Schlucken spuerte ich meine Nebenhoelen. Vor'm Bett gehen zog ich noch den Schlauch, den ich in den ersten Tagen ab und zu als Kopfbedeckung benutzte, ueber meinen Kopf bis zum Hals herunter um ihn waermer zu halten. Mein im Zimmer aufgehaengtes Zeug war noch total nass.

Fast den ganzen Abstieg musste ich in dieser Suppe machen.
Nach ein bisschen Packeln war ich um Punkt 6:30 im Gastraum... alleine. Hm... kein Wirt war zu sehen. Das ist seltsam. 5 Minuten spaeter war immer noch keiner da. Gut. Dann geh ich erst mal auf's Klo. 5 Minuten spaeter war immer noch keiner da. Ja fix!!! OK. Dann packel ich halt komplett fertig und wenn immer noch keiner da ist, leg ich das Geld auf die Theke und hau ab. Mein noch von der Waesche nasses Zeug kam in einer Tuete in meinen Rucksack. Als ich dann wieder im Gastraum ankam, war endlich auch der Wirt da und brachte mir meine heisse Schokolade. Das Fruehstueck war doch recht schlicht. Brot, Butter und nur eine Sorte Marmelade. Davon stopfte ich mir rein, was ging. Der Vorteil der Verspaetung vom Wirt war, dass es zu regnen aufgehoert hat, aber trotzdem zog ich das langaermlige Oberteil, die Regenjacke und die Regenhose an. Draussen war es immer noch sehr kalt und mit der Erkaeltung wollte ich nichts falsch machen. Es ging auch nur runter, sodass ich nicht so schnell ins Schwitzen kommen wuerde. Beim Anziehen meiner Schuhe war ich froh, dass ich sie noch in den Gastraum stellte. Sogar jetzt waren sie immer noch etwas feucht.

Unten verzog sich die Suppe endlich.
Noch schnell bezahlen, dann ging es auch los. Es war 7:15 Uhr als ich weg ging. Als ich aus der Huette trat, freute ich mich erst mal, dass ich etwas sehen durfte und nicht schon wieder in der Suppe laufen musste. Erst ein paar Minuten spaeter ist mir aufgefallen, dass vllt. 300 HM hoeher auf allen Nachbarbergen Schnee lag! Dann hat es heute Nacht doch tatsaechlich geschneit. Ich muss heute aber nur runter - dachte ich mir. Die Erkaeltung und die weniger als 6h Schlaf hatten mich deutlich geschwaecht. Meine Beine schwaechelten, sodass das Laufen vielmehr ein vor sich her watsche[l]n war. Erst mal ging es links an einem der vielen weiteren Seen vorbei, wo ich schon wieder von 2 Dreckskoetern angebellt wurde, die ich schon vor der Huette herumlaufen sah. Allerdings bellten die nur von der Weite und blieben erfreulicherweise auf gutem Abstand. Bis zum Parkplatz kam ich noch, dann holte mich die Suppe ein. Naja. Immerhin hatte ich Anfangs eine schoene Aussicht. Besser als Nichts. Vor allem wuesste ich dann nicht, dass es geschneit hat.

Die Sonne kam endlich auch heraus - so machte der lange Hatsch durch's Tal doch etwas mehr Spass.
Mit jedem Schritt, den ich zuruecklegte, fuehlte ich mich etwas schlechter. Der Schweiss, der aus meinen Poren kam, war auch nicht vor Anstrengung sondern ein kalter Schweiss aehnlich einem Angstschweiss. Da ich eine gute Stunde im Dunst abstieg, gibt es darueber auch nicht viel zu berichten. Ich sah nicht viel, war wie niedergeschlagen, lief wie ein nasser [Sack] und kam nicht recht voran. Der Weg war aber angenehm zu gehen. Ich weiss nicht mal mehr viel von dem Abstieg, da vor meinen Augen eine Art Schleier war, aber nicht vom Nebel sondern der Erkaeltung. Termignon war auch schon zu sehen.

Immer wieder ging's durch kleine Doerfer.
Weiter unten gelangte ich dann ueber die Strasse nach Termignon und benoetigte damit fuer den ganzen Abstieg auch in etwa die 2,5h, die angeschrieben waren. Damit waren die 1000 HM auch herum. In dem Ort sah ich schon wieder viele Hotel-Schilder, aber kein Haus sah danach aus und viele schienen auch noch geschlossen zu sein. So nahm ich auf einer Bank bei der Bushaltestelle Platz und packelte mein Fresszeug aus. Knaeckebrot, eine Dose Wurst und ein Snickers futterte ich rein. Den halben Liter Mineralwasser trank ich auch. Jetzt geht es ja nicht mehr hoch dachte ich mir. Das kalte Wasser war zwar sicher nicht gut fuer meinen Hals, aber ich hatte ja nix anderes.

Eine Feier im naechsten Dorf.
Nach diesen 15 Minuten Pause ging es dann sogleich mit der naechsten Etappe weiter. Gut ging's mir zwar nicht, aber das bisschen Flachlandgehatsche mit 20 km schaffe ich jetzt auch noch irgendwie. In Modane nehme ich mir dann ein schoenes Zimmer mit einer heissen Dusche und alles passt wieder. So ging ich erst einmal durch den Ort und lief dann entlang der linken Seite des Flusses in aller Ruhe weiter. Alles war wunderbar ausgeschildert und die neue Wanderkarte hatte ich in Termignon aus meinem Rucksack gezogen. Das erste Dorf war schnell erreicht. Das zweite lag jetzt ca. 5 km entfernt und als Einkehr geplant. Die Sonne fing an zu scheinen, sodass es mir auch etwas warm wurde. Die Regensachen hatte ich schon in Termignon abgelegt und das lange Oberteil zog ich [in] Le Verney aus, einem Dorf kurz vor Bramans, bei dem ich einkehrte. Mit 2 heissen Schokoladen versuchte ich den Hals zu unterstuetzen, mit einer Cola meine Energie.

Der Springbrunnen - ob der natuerlich oder kuenstlich ist weiss ich nicht.
Schon in Le Verney waren Leute damit beschaeftigt, Staende aufzubauen und in Bramans war mir dann klar, warum. Viele Leute trugen Tracht, sodass hier bei einer Kirche startend etwas Traditionelles gefeiert wird. Jetzt hoerte aber meine Karte auf und ich konnte nur noch nach Schildern laufen. Zu meinem Pech waren die guten Schilder auf einmal passee und nur schlichte Holzschilder zeigten den Weg an. Le Norma war eine der Zwischenstationen und zu meinem Glueck war diese auch meist angeschrieben. Ein bisschen rauf, ein bisschen runter, ein bisschen Wald und schon stand ich vor einer monstroesen Festung. Jetzt musste ich 300 HM hoeher zu dem LeNorma und viele Schilder zeigten mir den Weg. Hier wuerde ohne die Schilder ein wahrer Irrgarten herrschen. Nur 1x ging ich faelschlicherweise eine Strasse bei der der Wanderweg bei der Kehre reinfuehrte, versehentlich hoch, wo ich nach 100 Metern doch wieder umkehrte und dann wie aus dem Nichts die Markierung bei dem abfuehrendem Weg sah.

Pont du Nant - mit der maechtigen Befestigungsanlage.
Das Wetter wurde immer schlechter und allmaehlich fror es mich wieder. Zum Glueck erreichte ich schon schnell La Norma, das einem Feriendorf gleichte. Bei der ersten Einkehrmoeglichkeit holte ich mir eine heisse Schokolade, zog den Regenschutz an und auf ging's! Irgendwelchen Wegweisern nach Modane folgend kam ich erst mal bei einem Campingplatz vorbei, bei dem mir viel Grillgeruch entgegen schlug, die Leute gerade aber mehr damit beschaeftigt waren ihr Grillzeug vor dem Regen zu schuetzen. Ueber ein Waldstueck ging's dann runter. [Unten kurz vor dem Dorf konnte ich mal wieder sehen, was die Natur so faszinierendes fabriziert hat. Von der Karte her wusste ich schon, dass im Berg ein gutes Stueck "fehlt", weshalb ich beim Abstieg einen Schlenker nach rechts machte bevor es bergab ging. In Wirklichkeit sah das aber wieder ganz anders aus, wie ich es mir urspruenglich vorgestellt hatte.]

Im Zentrum ... aber ohne auffindbare Unterkunft.
Das letzte Stueck nach Modane ueber eine Teerstrasse und ich war da, nur wo ist hier was zum Schlafen? Das hier schaut mir seltsam aus. Es hatte zu regnen aufgehoert und die naechste Karte, auf der Modane bereits drauf war, packelte ich schon in La Norma aus. Der Campingplatz war ewig weit weg und wo hier die Hotels waren wusste ich auch nicht. [Ich irrte ein paar Minuten in der Stadt herum mit dem Gefuehl, mich in einer Hotel-Geisterstadt zu befinden.] In der Karte sah ich aber auch, dass ca. 2h in die naechste Etappe hinein ein "Gite d'Etape" eingezeichnet war. Tja. Also ist hier doch nicht Schluss. Auf zur naechsten Etappe! Leider musste ich dazu aber das Strassenstueck wieder zurueck. Wie das aber weiter ging, schreibe ich morgen. Es ist schon wieder 11 Uhr und ich will endlich mal etwas relaxen.

- - -
:-)
Schnippl di Schnapp
Die paar Straesschen zurueck fand ich sogleich das naechste Wegschild hoch zum naechsten Pass, ueber den ich heute aber nicht mehr musste und auch nicht mehr konnte. Ein kleines Straesschen fuehrte mich die erste Zeit hoch, bis immer wieder kleinere Wege abzweigten und zu einer anderen kleinen Strasse gingen. Die Hauptstrasse unterquerte ich. Kurz danach hoerte ich ein Donnergrollen. Nein! Das darf nicht sein. Ich kehre jetzt sicher nicht um. Die Wolken waren auch noch etwas zu hoch, um gefaehrlich werden zu koennen, allerdings musste ich ja auch noch ein gutes Stueck hoeher. Das Donnergrollen verlieh mir einen extra Schub, auch wenn ich lt. den Wegzeiten auf den Schildern nicht wirklich schnell unterwegs war. Mir fehlte wegen dem langen Hatsch [und meiner Erkaeltung] einfach Energie.

Die erste Zeit ging's immer ueber kleine Pfade hoch.
Ein kleines Strassenstueck kam dann auch noch, bei dem ich mich wieder vor den Autos schuetzte indem ich meine Wanderstoecke etwas in die Strasse rein hielt. Nach 3 Kehren ging dann endlich wieder ein Wanderweg weiter, der an einer Kapelle vorbei fuehrte, die direkt an die Felswand gebaut wurde. Dann kam ich in La Charmaix heraus, dass mich etwas ueberraschte. In der Karte war dieser Ort eher unscheinbar, aber als ich ihn mit eigenen Augen sehen konnte, war klar, dass hier das Geld fliesst. Viele Hotels, viele Restaurants, viele Lifte.

U. a. auch ueber Strassenkehren ging's hoch.
Die auf der Karte eingezeichnete Unterkunft waere noch ca. 1/2h entfernt gewesen, aber ich suchte erst mal das Touristeninfobuero auf und wollte nach ein paar Minuten Wartezeit gerade wieder gehen, als man dadurch auf mich aufmerksam wurde - zum Glueck fuer mich. Die fanden naemlich heraus, dass meine Ziel-Unterkunft nichts mehr frei hatte. Ein Appartement fuer 60 € kam fuer mich auch nicht in Frage - jedenfalls sagte ich das. Natuerlich haette ich das zur Not auch genommen. Nach einem weiteren Anruf war dann etwas klar gemacht. Irgendetwas in der Naehe fuer 30 €. Perfekt! Ich sollte 300 Meter weiter bei einer Treppe auf eine Frau warten, die auch Englisch sprach.

Die Kapelle kurz vor dem Endziel.
An dem vereinbarten Ort wurde ich nach Kurzem auch von einer Frau angesprochen, die dann auch ein paar Brocken Englisch redete und dann weiterging und ich ihr folgte. Das Ganze kam mir dann aber etwas spanisch vor. So richtig einladend wirkte die Frau nicht. Als ich stehen blieb und sie immer noch weiter lief war ich mir sicher, dass das nicht die richtige Frau war. Also wartete ich weiter und nach 10 Minuten kam ein Auto hergefahren aus dem eine Frau ausstieg und mich begruesste. Ja. Das sieht deutlich besser aus. Durch ein grosses Haus fuehrte sie mich bis zu einem Aufzug, bei dem ich sagte, dass ich ihn nicht benutze :-). Mann bin ich beknackt, aber so ist es halt. Ueber die Treppe ging es ein Stockwerk hoeher und schon waren wir da. Das Zimmer erinnerte mich an ein Studentenzimmer. Es hatte Alles. Eine eigene Dusche, eine Couch mit Fernseher, ein Stockbett und sogar eine kleine Kueche!!! Wie cool. Und das fuer 30 €!!!

Endlich in Le Charmaix
Erst wollte ich duschen. Nachdem ich wie immer erst mal das heisse Wasser laufen lies und eine braune Suppe in der Duschwanne sah, wartete ich noch ein paar Minuten ab, bis sich ein klares Wasser einstellte. Nur wurde da nix klarer. Na toll. Also duschte ich mich mit dem seltsam gefaerbtem Wasser. Dann ging ich Einkaufen. Auch wenn Sonntag war, hatte ein Supermarkt offen. Ein hoch auf Frankreich! Abendessen und Fruehstueck wollten eingekauft werden. Da mein langes Oberteil noch trocknete, ging ich in T-Shirt, Jogginghose und barfuss in den Schlappen zum Supermarkt. Zu Abend waren Nudeln mit Bolognese Sauce geplant. Vorspeise: Nektarinen. Nachspeise: Bisquittzeug. Fuer das Fruehstueck kaufte ich ein frisches Baguette, Wurst und Kaese. Beim Trinken sparte ich nicht. 2 Liter O-Saft, 3 Dosen Bier [Das wundert mich wg. meiner damaligen Erkaeltung jetzt doch etwas :-)], 1 Dose Cola, 1 Dose Orangina. So bepackt ging ich wieder in mein Zimmer, wo ich gleich Wasser hinstellte und die Nudeln machte. Auf dem Fernseher lief nebenbei irgendein franzoesisches Zeug.

Die gelbe Suppe aus den Rohrleitungen.
Nach dem Abseien der Nudeln und der Nektarine als Vorspeise ging das grosse Fressen los. Das einzig Dumme war, dass die Sosse kalt war. Aber so ass ich einfach lauwarme Nudeln. Der eine Liter O-Saft war auch bald weg und ich stieg auf Cola und Orangina um. Eines stoerte mich aber: Im Zimmer war es sehr kalt und die Heizung war abgeschaltet. Wozu gibt es aber Herdplatten? Die schaltete ich nach dem Kochen wieder an um wenigstens etwas mehr Waerme im Zimmer zu haben. In meinen Schlafsack gemummt schaute ich dann auf Arte den Elvis Abend und schrieb nebenbei mein Tagebuch.