Tagebuchtage:
 
 
 
 
 
 
Mittwoch, 4.8.2010
Tag 57 - Viel auf, viel ab
Col du Demecre → Sex Carro → Jeur Brulee → Allesse → Vernayaz → Von d'en Haut → Auberge de Salanfe
Der letzte Blick zurueck zur Huette.
So. Kaputt bin ich mal wieder aber so konnte ich diesen trockenen Tag gut ausnutzen. Mein Ziel, schon wieder in den Bergen zu sein, habe ich auch erreicht. Diesen Abend habe ich auch auf Bier verzeichnet. Evtl. liegt es daran, dass ich nicht so gut schlafen kann. Abends spielte ich noch mit den Huettenleuten ein einfach zu verstehendes Spiel, bei dem man Dreiecke so zusammenlegen musste, dass die Zahlen an deren Ecken uebereinstimmen. Nach 10 Uhr stieg ich dann hoch ins Bett. Heute schlief ich mal oben im Stockbett Matratzenlager. Als der ersten Schnarcher anfing, stopfte ich mir gleich die Stoepsel rein und schlief schon bald ein. Wie schoen :-).

Kuhfladen mit Morgentau. So manchem "Kunstkenner" koennte man dafuer sicher viel abluchsen :-)
Als einer der Ersten stand ich um kurz vor 7 auf und machte mich mal gleich auf den Weg zum Klo. Das war naemlich gute 40 Meter weg von der Huette. Bevor ich hier Schlange stehen musste, wollte ich es gleich hinter mich bringen. Und zwar auf dem Linken. Das Rechte hatte gestern irgendeine Drecksau von oben nach unten vollgepisst. Sowas muss ja wirklich nicht sein. Vor allem nicht bei einem Trocken WC! Das Fruehstueck war fuer eine so knuffige Huette, in der im Gastraum gekocht wird, ziemlich gut. Frisches Brot, gute Marmelade, Muesli, ... Zwar keine Wurst, aber das kann man bei dieser Lage wirklich nicht erwarten. Ich bedankte mich noch recht herzlich bei der Wirtin und brach dann schon vor 8 Uhr auf.

Schon wieder zog die Suppe zu!
Der Himmel sah kurz nach dem Aufstehen noch klar aus. Jetzt tummelten sich hier und dort schon wieder Wolken. Nichts wie los. Doch wohin? Der Wegweiser nach Sex Carro zeigte auf einen kleinen Restaufstieg zu einem Gipfel, der rund 80 HM wollte, doch das ein paar Meter spaeter auf einem Stein geschriebene war Alesse, wobei nach links ein Weg nach Serniot ging. Ja was denn jetzt?!? Lt. Karte konnte es tatsaechlich noch nach oben gehen. 2 Wanderer kamen mir entgegen. Die fragte ich, ob es dort nach Sex Carro geht in dem ich den Weg hoch deutete und Sex Carro sagte. Da guggten die mich seltsam an. Stimmt! Im Franzoesischen laesst man einfach ein paar Buchstaben am Schluss weg. "Se Carro" verstanden die beiden schon besser und bestaetigten die Vermutung. Nach kurzem war ich schon oben.

Ueber solch seltsame Wege verlief der Weg.
Den Sendeturm, der im Fuehrer erwaehnt war, konnte ich auch schon sehen, genauso wie saemtliche Gipfel, die von dieser Seite der Berge sichtbar waren. Das war wirklich eine wahnsinns Aussicht. Nur hatte ich das Gefuehl, dass von Osten her eine richtige Suppe rueberzog. "Schnell weiter" dachte ich mir. Nicht nur wegen der Aussicht sondern auch, weil ich noch mehr vor hatte. Auf dem Gras konnte ich noch den Morgentau sehen, genauso wie auf diversen Kuhfladen. Etwas geschlaengelt ging es die Wiese etwas herunter, aber meistens auf den Sendeturm gerichtet. Als Alternativweg nahm ich auch den oben ueber den Grat, der mir noch mehr Aussicht auf die andere Seite geben sollte, aber nix war zu sehen. Die Wolken tuermten sich vor mir. Nix wie weiter, bevor ich auf dieser Seite auch nichts mehr sehe!

Wunderschoene Wiesen mit Oliven(?)baeumen gab's auch.
Sehr schnell war ich vor dem Sendeturm, wo der Wegweiser seltsame Richtungen zeigte. Nach Jeur Brulee soll es links runter gehen?!? Da war zwar etwas wegaehnliches aber lt. Karte sollte es gerade aus gehen. Ein paar Meter verwirrten im Kreis laufen, beruehrte ich mit der Spitze eines Wanderstocks eines der gelben Schilder und schon drehte sich der Wegweiser. Das ist ja super! So ein Dreck! Zumindest bis zum naechsten Sturm drehte ich den Wegweiser wieder richtig hin, was ich aber nur ungerne mache. Am Schluss mache ich noch mehr falsch und viele Wanderer kommen falsch heraus. Steil ging der Weg herunter, manchmal ueber Waldwege, aber auch fuer kurze Zeit ueber Geroellfelder. Durch den grossen Schlenker den der Weg machte, konnte ich auch sicher sein, dass ich auf dem richtigen Abstieg war.

Die einen fahren mit der Bahn, die Via Alpinisten hatschen halt hoch.
Bei der naechsten Weggabelung traf ich eine Gruppe Wanderer, die wissen wollten, wie lange es noch hoch ist. "Tja, ich kenne euch ja nicht, aber so etwa eine dreiviertel bis eine Stunde". Lieber sage ich etwas mehr als zu wenig. Der weitere Weg war etwas verwirrend, da bei vielen Stellen an Wegschildern und Markierungen gespart wurde. Mit einer topografischen Karte hatte ich damit aber keine Probleme. Einfach links von dem Anwesen vorbeischeppern und runter. Als ich bei einer Forststrasse wieder auf einen Wegweiser stiess, zeigte zwar kein Schild in meine Richtung aber ich konnte mir sicher sein, dass das definitiv der schnellste Abstieg war. Genauso machte ich es wieder, als der naechste Wanderweg von der Forststrasse abzweigte. Einfach den Weg nehmen, der am meisten nach einem Wanderweg aussieht, vorbei an 2 Haeuschen und schon war ich auf dem naechsten Schotterweg, bei dem bei der naechsten Kehre auch wieder der naechste Wanderweg abzweigte. Nur war dieser nicht mehr ganz so gut beschaffen, als das ich davon ausgehen koennte, dass hier viele Wanderer unterwegs sind. Das war mal wieder ein typischer Via Alpina Weg, auf dem sonst kein Schwein unterwegs ist. Aber das Ganze ist kein Vergleich zu dem Weg der auf dem Grenzuebergang zwischen Italien und der Schweiz lag, als Horst ging.

Die letzte Kehre des - ich glaube - Delinquenten Weges
Ich bin seit Tagen und Wochen von Wanderwegen so verwoehnt, dass ich jetzt schon mecker, wenn ein kleiner Weg nicht sichtbar ist. Das wird sich aber in den naechsten Tagen wieder aendern wenn ich in's "Ausland" komme. Links unter mir sah das Tal immer noch wie eine Modelllandschaft aus, aber der Autolaerm war trotz des grossen Hoehenunterschiedes noch deutlich zu hoeren. Ein paar Stellen waren auch dabei, an denen eine Stahlkette befestigt war von der ich aber wieder mal nie Gebrauch machte. Im Felsen waren genug scharfkantige Steine um mir Halt zu geben und da ich mich an solchen Stellen von vornherein nach rechts lehne. haette es mich einfach nur auf meine Seite gehaun. Ich hab sowieso noch keine nennenswerte Wunde. Das wird echt Zeit, dass ich mal wo herunterschlitter und eine Narbe zum Andenken davon trage!

Der Wanderweg veraenderte sich auf einmal zu diesem "Weg" - aber nur fuer kurze Zeit.
Wie auch immer hatte auch dieser Wanderweg ein baldiges Ende und ich kam endlich bei Champex heraus. 1300 HM Abstieg lagen schon hinter mir, 600 waren noch zu machen. Jetzt ging's erst mal eine Teerstrasse entlang bei der es mich wunderte, dass nirgends ein Wanderweg abzweigte um die eine Kehre zu umgehen. Als ich mir sicher war, die Abzweigung verpasst zu haben, fand ich wieder mal meinen eigenen Weg. In Allesse wurde ich wieder mal von einem schoenen idyllischen Ort ueberrascht, bei dem der Wanderweg erst ueber kleine Felder, dann schattig unter Baeumen und steil herunter ging. Perfekt. Steile Abstiege hab ich gern. Jedenfalls wenn alles trocken ist. Gestern Abend wechselte ich auch noch meine Einlagen. Da meine Schuhe eingelaufen sind (und auch die Sohlen etwas weicher), sollten die Sohlen jetzt wegen dem groesseren Platzbedarf keine Probleme mehr machen.

Ab durch ein Dorf.
Richtig schnell kam ich ueber den Weg runter und hatte endlich das Tal erreicht. Ueber die vor mir stehende Bruecke lief ich erst mal ueber den grossen Fluss Rhone, dann mittels einer weiteren Bruecke ueber die Autobahn. Dem Bahnhof hatte ich mir in der Karte markiert, weil ich mir dort eine Auffrischung meiner Vorraete und etwas zu Trinken erhoffte, aber schon beim Anblick des Bahnhofs war mir klar, dass da nix zu holen war. Aber ein Hotel fand ich in der Naehe, wo ich mit meinen Franzoesischkenntnissen bei der Bestellung eines grossen Wassers total gescheitert bin. Also verwendete ich meine Haende und das grosse Wasser war bestellt. Die grosse Cola war einfach. So waren meine Fluessigkeitsreserven aufgeladen. Meinen Fuessen goennte ich auch noch knapp eine halbe Stunde Ruhe und weiter ging's.

Auch dieser Weg war sackrisch huebsch.
Ich glaube, es war nicht einmal halb 12 und ich hatte den Abstieg viel schneller als in der beschriebenen Zeit durchgezogen (ca. 3,5 statt 5,5 Stunden). Jetzt geht es auf jeden Fall noch weiter hoch, der naechsten Etappe entlang. Auf etwas mehr als halber Strecke gibt es eine Einkehrmoeglichkeit, die auch eine guenstige HP anbietet, wie ich vor 2 Tagen ueber's Internet erfahren hab. Das kurze Stueck zum Hotel lief ich wieder zurueck und gleich weiter zum Hang hin und einen Wanderweg den Hang entlang. Dann starteten die 1500 HM weiterer Anstieg.

Der Stand beim Campingplatz
Den Anfang bildeten 37 Kehren, die eine Kutsche hochfahren koennte, wie es frueher sicher mal der Fall war. Ein paar Gleisarbeiter traf ich auch bei der Mittagspause was mich daran erinnerte, dass ich ja noch gar nichts gegessen hatte! Nur war in meiner Fresstuete nicht mehr viel zu holen. Knaeckebrot und Suppe zum Aufkochen. Die 37 Kehren fetzte ich in Windeseile hoch. Zwar versuchte ich mich ab und zu zu bremsen, aber nach einer Minute war ich schon wieder im gleichen Eiltrott. Wegen dem guten Weg hatte ich die ersten 500 HM schnell hinter mir und schnell ging's weiter in dem ich rechts Richtung "Le Marcot" abbog. Zuerst eben verlaufend ging der Weg bald etwas runter, was gut 10 wahnsinnige HM zunichte machte! Wieder einmal kam ich bei einem Haeuschen vorbei, dass ich am liebsten mein Eigen nennen moechte. Es hatte eine schoene Lage, einen kleinen Vorgarten, einen Grill. Einfach das, was ich will!

Der Teil des alten Wanderweges
Bei Le Marcot angekommen, was wohl so eine Art Bauernhof ist, ging's links hoch. Wieder mal sah ich wenige bis gar keine Wegmarkierungen, aber ich hoerte einfach auf meine innere Stimme (so wie sicher viele Wanderer zuvor) und nahm immer den Weg, der mir am besten ausgetrampelt erschien. Als der Weg dann rechts eine Mauer entlang hochfuehrte, war ich mir wieder sicher richtig zu sein und kam auch im oberen Teil von "Les Granges" heraus. Perfekt. Das kleine Dorf hat auch schon mind. eine Unterkunft angeboten, aber ich wollte noch bis zum See hoch, sodass mir fuer morgen nur 500 HM ueber den Pass fehlen. Beim Verlassen von "Les Granges" war schon wieder ein Wegweiser, der in seltsame Richtungen zeigte und natuerlich konnte ich auch diesen muehelos drehen. Mann ist das toll. Vorsichtshalber lief ich 20 Meter einen Weg hoch, der zu einem Haus, aber von dort nicht weiterging. Den Wegweiser dann richtig ausgerichtet, ging's einmal wieder ein Stueck Schotterstrasse hoeher, dann wieder Schotterstrasse, Wanderweg, Teerstrasse und endlich dem Wanderweg, der bis nach Van d'en Haut ging. Auf diesem Weg liefen mir schon wieder viele seltsame Gestalten ueber den Weg. Einer fertiger als der andere. Van den Haut war wohl wieder die Kleinform eines Feriendorfes, dass am Ende einen Campingplatz hatte.

Der HAESSLICHE Damm
Von Weitem konnte ich auch schon viele Zelte sehen und meine Hoffnung stieg. Jawoll! Da gibt es etwas zu trinken. Aus einem 7-Up und einem Bier mischte ich mir ein Radler und auch meine Vorraete konnte ich mit 2 Wurstdosen auffuellen. Jetzt kann ich auch wieder Brotzeit machen wann's mir beliebt! Von der heutigen Huette entsorgte ich auch den Muell (Viele Plastikflaschen), da ich das im Tal total verpennt hatte. Eine halbe Stunde verbrachte ich auch hier. Was mich richtig erschreckte war die Wetterprognose fuer morgen. Das Symbol auf dem Aushang zeigte Wolken mit 4 Tropfen und gleich 2 Blitzen an. Seitdem ich in der Schweiz unterwegs bin, habe ich so etwas noch nie gesehen. Das kann ja heiter werden. Aber ich moechte ja eigentlich nur ueber den Pass. Dann waere ich schon happy!

Dort musste ich am naechsten Tag rueber
600 HM waren jetzt noch zu machen aber ich fuehlte mich stark. Ich vermute, dass das einmal an dem erholsamen Schlaf lag und andererseits an den Spaghetties, an denen ich mich abends regelrecht vollgestopft habe. Dass die Wege hierzulande etwas wenig Markierungen besitzen war ich ja schon gewohnt und hatschte immer den mir am besten erscheinenden Weg weiter hoch und blieb auch auf dem Wanderweg. [Leider musste ich spaeter feststellen, dass ich ueber die Strasse bei einer sehenswerten, aus einem Felsen springenden Quelle vorbeigelaufen waere.] Eine kleine Schotterstrasse haette auch hoch gefuehrt. Der Wanderweg wurde teilweise noch von Stahltreppen unterstuetzt, was mir sagte, dass der Weg sicher schneller ist als auf der Strasse.

Meine Unterkunft
Dann erblickte ich endlich den Damm, den ich schon seit dem Campingplatz vermisste. Das Problem war nur, dass er eine geringe Hoehe besass und ich mit leichter Steigung ein paar Minuten auf diesen jetzt auf der Schotterstrasse zulief. Auf diese Weise konnte er sich lange Zeit vor mir "verstecken". Vor dem Damm stieg ich dann von links nach rechts hoch und war 2 Minuten spaeter beim Alberge de Salfane wo ich die HP und das Matratzenlager fuer 59 CHF buchte. Perfekt. Eine kostenlose heisse Dusche war auch inklusive. Zum Abendessen gab es Suppe, dann Goulasch mit Gemuese und Reis, von dem ich als Einziger 2x Nachschlag holte. Den Abschluss bildete ein Eis. So war sogar ich satt zu bekommen. Alles in allem bin ich doch sehr kaputt und hoffe, dass ich morgen ohne Donner und Blitz ueber den Pass komme.