Tagebuchtage:
 
 
 
 
 
 
Mittwoch, 21.7.2010
Tag 43 - Entspannungshatsch bei tiefen Wolken
Sonogno → Passo di Redorta → Prato → Sornico
Der Weg durch das urige Dorf.
Nach dem gestrigen Mega Hatsch war heute "Entspannung" angesagt. Ohne viel Strecke zurueckzulegen ging es "nur" 1200 HM rauf und runter - eine wahre Entspannung im Vergleich zum gestrigen Hatsch.

Ein Blick um 6:45 in den Himmel zeigte mir tief haengende Wolken auf vllt. 1500 HM. Ich musste heute aber auf ueber 2100 HM hoch. Etwas schlapp fuehlte ich mich auch, wobei das fast jede Frueh der Fall ist. Aber's hilft ja nix - auf ging's zum Packen und Fruehstuecken. Das Fruehstueck war genau so enttaeuschend wie das Abendessen. Keine Wurst, dafuer abgepackelte Marmelade und einen kleinen eingepackelten Streichkaese. Na super. Ein bisschen was ass ich und packelte mir den Streichkaese zwischen 2 Scheiben Brot in meine Schmugglertuete. Nach dem Bezahlen hatschte ich um halb 8 los.

Wieder mal ein verlassenes Dorf in dem die meisten Huetten heruntergekommen waren :-(
Eine kleine huebsche Strasse fuehrte mich in das Tal hinein, an dessen Ende ich aufsteigen werde. An wunderschoenen Wasserfaellen fuehrte der Weg vorbei, was eigentlich seit Gestern der Fall ist. Das macht das Wandern besonders schoen fuer mich, wenn die tief haengenden Wolken nicht waeren. Ein Blick zurueck gab mir etwas Hoffnung. Dort war die Suppe schon deutlich hoeher. Von weitem konnte ich schon die kleinen Haeuschen von Puescen Negro sehen, zu denen ich die ersten 400 HM aufsteigen musste. Auf dem Wanderweg dort hoch hatte ich wieder einmal mit Schnaken zu kaempfen. Koennen die sich nicht jemand anders suchen? Statt aber auf meiner Haut zu landen, platzierten sie sich auf mein mittlerweile voll durchgeschwitztes T-Shirt. Es war naemlich ungemein schwuel, was u. a. den heutigen Aufstieg zur kleinen Qual werden liess. Das kleine Oertchen in den Bergen hatte ich schon bald erreicht und wieder einmal ueberraschte es mich nicht, dass es wieder einmal wie ausgestorben war. Viele Haeuser waren kurz vor dem Verfall oder total heruntergekommen. Wie schoen waere es, wenn man hier oben auch noch Bewohner begruessen koennte. So aber kann ich seit Wochen (wer haette sich jemals gedacht, dass ich mal beim Weitwandern von Wochen als Teilrueckblick schreiben werde?!?) immer mehr Ruinen der laengst verstorbenen Bergbewohner betrachten.

Die Alpe Redorta
In energiesparendem Tempo kam ich relativ gut voran, ueberquerte kleine Fluesse und stieg hoeher zur Weideflaeche der Alpe della Redorta, wo bereits ein anderer Wanderer herumhutzte - aber etwas abseits vom Weg. Dieser machte sich gerade auch oben herum frei um sich etwas Erleichterung vom schwuelen Wetter zu verschaffen. Wegen dem hohen Gewicht meines Rucksacks konnte ich das aber nicht. Sonst haette morgen mein Ruecken schlimm ausgeschaut. Knapp an dem Almhaeuschen vorbei klaeffte mich wieder einmal so ein scheiss Dreckskoeter an. Kann man diese Dinger nicht einfach einschlaefern? Die gehoeren zur Sparte "Dinge, die die Welt nicht braucht". Um das Scheissvieh zu umgehen, stiefelte ich abseits des Wanderweges hoeher und war froh, als das Klaeffen endlich aufhoerte. Dafuer scheuchte ich eine Ziege vor mir her, die lange brauchte um vom Wanderweg zu verschwinden. Da ueberholte mich auch einer von der Alm, der wegen dem Hund zwar irgendwelche Kommandos rief, auf die der Hund aber ueberhaupt nicht hoeren wollte. Dieser Wanderer war wirklich schnell unterwegs, was wohl auch an den frischen Kraeften lag, da er erst bei der Alm gestartet ist und an seinem kleinen Rucksack. Da konnte ich nicht mithalten :-(. Mittlerweile knurrte auch mein Magen furchtbar und ich fuehlte mich immer schwaecher. Ich hatte stark das schlechte Essen von gestern in Verdacht, das mir wie erwartet keine Energie gab - und natuerlich auch das spaerliche Fruehstueck. Es fand sich aber kein passender Pausenplatz.

Das letzte Stueck vor'm Uebergang war doch etwas steinig.
Gut 300 HM vor dem Pass setzte ich mich dann doch hin um auszuruhen, nahm aber nicht den Rucksack ab. So warm es unten im Tal wg. der schwuehlen Luft es war, so kalt ist es fast 1000 HM hoeher - besonders aufgrund der fehlenden Sonneneinstrahlung. Nach 5 Minuten Pause stieg ich weiter hoch ueber den Wanderweg, der inzwischen alles andere als gemuetlich zu gehen war. Oft waren grosse Stufen zu ueberwinden und der Weg fuehrte oft geradewegs und damit erbarmungslos nach oben. Dann fand ich doch noch eine passende Stelle zum Pausieren, bei der ich auch meinen Rucksack nicht in den Dreck stellen musste. Dort verputzte ich das Brot mit dem Streichkaese und trank den halben Liter Mineralwasser den ich mir wieder mitgenommen hatte. Viel Aussicht war aber nicht zu geniesen. Gestern konnte ich sogar von der Cappanna de Efra den Passuebergang sehen. Die Huette lag von hier aus gesehen aber in einer kilometerlangen Suppe und der heutige Passuebergang war oft auch nur schemenhaft zu sehen - je nachdem wieviel Suppe es vom Tal her hochwehte. Nach einen mir wie eine Ewigkeit vorkommenden Restaufstieg stand ich am Pass und in der Suppe. Aber egal. Ich hatte die letzten Wochen so oft Glueck mit Nebel, der sich genau in dem Augenblick verzog, als ich oben stand, so dass ich das bisschen Suppe als Ausgleich dazu gerne in Kauf nahm.

Der Abstieg war schon sehr steil.
Richtig felsig wurde es auf der anderen Seite. Eine gute halbe Stunde bewegte ich mich groesstenteils auf Steinbloecken, bis auch auf diesem Berg endlich ein bequemerer Wanderweg begann. Dieses Mal fuehrte aber dieser Weg ueber ein Schneefeld, dass noch ueber einen Fluss haengte. Um das sicher zu ueberwinden, stieg ich auf dem Feld hoeher, da ich oben sicher auf einen Stein steigen konnte. Es ist faszinierend, wie unglaublich fest der Schnee durch die staendige Befeuchtung durch Wasser ist. Da reichen schon 10 cm Eis-Schnee, um mich zu tragen. Ins Tal konnte ich fast die ganze Zeit blicken und auch auf den Steilen "Hang" ueber den der weitere Abstieg fuehrte. Damit haette ich auch keine Probleme gehabt, wenn nicht das Profil meiner Schuhe schon so ausgefotzt waere. Eigentlich halten die Sohlen an so manchen Stellen, aber in letzter Zeit rutschte ich immer oefters ab. An den Zehenspitzen befindet sich schon ueberhaupt kein Profil mehr, an den Fersen ist auch fast nichts mehr uebrig. Um so schlimmer war es, dass der Abstieg teilweise ueber fast senkrechte Felsen ging, die oft nur Tritte fuer weniger als einen halben Schuh hatten und auch feucht waren. Da ich aber sehr vorsichtig war, rutschte ich an den schwierigen Stellen kein einziges Mal ab, dafuer aber an etlichen anderen Stellen, an denen es mir aber nicht schwer fiel, mich wie so oft instinktiv abzufangen. Mit Freude erreichte ich das Ende dieses steilen Abstieges, von dem es nur noch leicht bergab ging entlang der rechten Seite des Flusses.

Blick zurueck zum Dorf, durch das ich auch durchlaufen musste.
Bei huebschen Bluemchen kam ich auch vorbei, wobei ich vergas, sie zu bestimmen. Aber ein Foto hab ich ja fuer spaeter. Der Weg war mal wieder gut gepolstert und meist leicht abfuehrend. In vollem Tempo heizte ich so weiter bis ich auf einer Forststrasse herauskam, auf der sich 2 Mountainbiker bei der geringen Steigung die Seele aus dem Leib strampelten :-). Dann kam ich bei einem kleinen Doerfchen mit vielen Rusticos (die kleinen oft verfallenen Haeuschen) heraus, bei denen viele renoviert waren. Wie gerne wuerde ich so eines besitzen. Die sehen von aussen so cool aus. Von aussen wie aus Steinen gebaut mit Platten als Dach, aber die neuen Fenster lassen auf ein auch in der Nacht warmes Inneres schliessen. Die Forststrasse hatschte ich eilig weiter. Die Fuesse taten schon sakrisch weh. Nach 3 km und tatsaechlich einen kleinen Weinrebenfeld am Wegerand gelangte ich nach Prato, bei dem ich an einem der ersten Haeuser Ristorante und Pizzeria lesen konnte. Die Schrift war in das Haus eingelassen, aber weiss ueberstrichen. Da kam auch gerade jemand raus, der die Tuer offen liess. Nach etwas Zoegern trat ich durch die Tuere. So wie ein Ristorante sah mir das hier nicht aus und als ich die erste Treppe hochgestiegen war, machte ich doch lieber einen Rueckzug. Das hier sieht mir mehr nach den Privatgemaechern einer Familie aus. Nichts wie raus hier! Der Strasse durch die huebsche Stadt Prato folgte ich und kam bei "Al Ponte" heraus, wo ich mich gleich hinsetzte und ein Wasser und ein Bier orderte. Der Name kam mir irgendwie bekannt vor, sodass ich davon ausging, hier uebernachten zu koennen. Als ich dann drinnen nachfragte, wurde ich enttaeuscht. Hier gibt's nix, dafuer aber 200 Meter weiter die Strasse entlang.

Der BOOONKER!
Schnell schuettete ich mir die Getraenke runter und rauchte waehrenddessen die eine Zigarette, die ich mir auf der Capanna de Efra von einem geschnorrt hatte. 200 Meter weiter kam ich dann im Ristorante Lavizzara an, bei der mir ein Zimmer fuer 75 Franken angeboten [wurde]. Da staunte ich nicht schlecht und fragte nach etwas billigerem. Ja. Die haben ein Matratzenlager!!! Perfekt. Und das fuer 35 Franken. Mehr brauche ich nicht und eine Dusche gab's auch. Als ich runter gefuehrt wurde, staunte ich nicht schlecht. Das Lager war in einem Schutzraum!!! Der hatte sogar einen Atemluftfilter. Das ist ja mal richtig cool. Nach dem Duschen und Waesche waschen legte ich mich erst einmal hin. Den ganzen Tag fuehlte ich mich schon kaputt. Das war gestern einfach zuviel. So doeste ich ca. 3 Stunden vor mir her und kaempfte auch 1x damit, dass meine Wade nicht verkrampfte. Nach 18 Uhr ging ich zum Essen. Erst einmal bestellte ich mir einen kleinen gemischten Salat, dann noch Honigmelone mit Schinken und als Hauptgericht Schnitzel mit Kartoffeln und Gemuese. Es tat gut, heute etwas Gutes zu essen. Der Salat war frisch und der Rest war auch sehr gut. Jetzt sitze ich noch an dem Rest von einem halben Liter Wein und werde wohl bald in meinen Schutzraum gehen :-).