Tagebuchtage:
 
 
 
 
 
 
Donnerstag, 5.8.2010
Tag 58 - Frankreich und Zecken
Auberge de Salanfe → Col de Susanfe → Cab. de Susanfe → Bonavau → Barme → Col de Cou → Refuge de la Golese → Refuge Bostan-Tornay
Da verlief irgendwo der Weg
Heute bin ich erst gegen 6 Uhr auf der Huette angekommen, die auch das Endziel der Via Alpina Etappe [darstellt]. Einen Gast trug ich auch einige Zeit mit mir umher: Eine Zecke! Doch dazu spaeter. Heute bin ich wirklich weit gelaufen und das, obwohl es die meiste Zeit geschifft hat. Ich bin fast zu fertig, um noch zu schreiben. Mal schaun, was noch geht.

Blick zurueck zum See und der links davon gelegenen Huette
Mein Mitbewohner im Matratzenlager meinte, noch sein Buch lesen zu muessen und lies deshalb das Licht noch einige Zeit an. Wobei einige Zeit gut gesagt ist. Um 3 Uhr bin ich aufgewacht und das Licht war immer noch an, der Mitbewohner eingeschlafen. Super toll. Also machte ich es selbst aus. Aufgewacht bin ich aber vom heftigen Regen und Sturm, die draussen hantierten. Naja. Besser das Zeug kommt jetzt als heute frueh runter. Einmal umgedreht und schon schlief ich wieder ein. Um 6:45 bimmelte dann mein Wecker und ich packelte zusammen. Natuerlich mit angeschaltetem Licht.

Der Uebergang - hier war ich erfreulicherweise nicht der einzige, dem die Schneeflocken in's Gesicht schlugen.
Zuerst musste ich ueberlegen, was ich heute anziehe. Es versprach naemlich sehr kalt zu werden. Auch die Sonne wird sich nie blicken lassen. Zum ersten mal packelte ich deshalb meine dickere Wanderhose aus, die ich seitdem mitgeschleppt hatte. Die hat mich schon oft beim Tourengehen warm gehalten. Dann wird sie es hier ja wohl auch schaffen. Das Fruehstueck war wie schon fast erwartet eine Flaute. Kein frisches Brot, keine grosse Auswahl. Alles war Selbstbedienung, sodass ich nicht meine heisse Schokomilch bekam. Aber eine Kalte. Viel ass ich deshalb auch nicht. Viertel vor 8 startete ich.

Ein paar "Restgletscher"
Es schiffte immer noch und ich hatte wg. der Kaelte auch meine Softshell Jacke unter der Regenjacke an, wo ich den Reissverschluss meiner Softshelljacke offen hatte. Beim Anziehen der Wanderhose stellte ich auch ueberrascht fest, dass auch diese schon fast zu gross war. Ich hab wirklich einiges abgespeckt. Aber deshalb waren viele Kleidungsstuecke beim Start der Tour eine Nummer zu klein. In Monaco angekommen werden sie eine Nummer zu gross sein. Gut eingepackt hatschte ich los. Viel HM machte ich anfangs nicht. Eigentlich gar keine. Erst als ich am See vorbei war, ging es etwas hoeher. Der Wetterbericht aenderte sich auch. Auf der Huette war ein franzoesischer Wetterbericht ausgehaengt, bei dem die 2 roten Blitze fehlten, worueber ich mich tierisch freute. Wenn es nur regnet, komme ich gut weiter. Aber trotzdem achtete ich darauf, kein moegliches Donnergrollen zu ueberhoeren.

Immerhin gab's hier Stahlketten - bei dem glatten Stein sehr sinnvoll.
Der Pass, der gestern noch gut sichtbar war, war jetzt in Wolken gehuellt. Die 500 HM zogen sich ganz schoen hin. Der Wind und damit auch die Kaelte nahmen staendig zu. Als Ansporn liefen vor mir 3 andere, die gestern mit mir am Tisch assen und lange vor mir aufgebrochen waren. Die galt es natuerlich vor dem Uebergang zu ueberholen :-). Der ganze Aufstieg zog sich aber laenger hin als gedacht. Irgendwie schien mir Energie zu fehlen, was ich auf das Essen und Fruehstueck schiebe. Kurz vor dem Pass stand sogar eine Biwack-Huette, die Obdach fuer sage und schreibe eine Person bot! Bissl abgefuckt war das Teil schon aber wenn ich mir vorstelle, hier bei Blitzen unterzukommen, ist es wohl eine Luxusvilla.

Zwischeineinkehr mit Kaminfeuer...
Oben angekommen wandelte sich der Regen wieder einmal in etwas Schneeartiges. Doch dieses Mal fand ich es ganz lustig. Ich darf gespannt sein, wie oft ich noch mit Schnee in Kontakt komme. So etwas ist mir noch auf keiner Weitwanderung passiert, fast jede Woche Schnee zu haben [Naja, vllt. bissl uebertrieben]. Im Eiltempo hetzte ich runter, aber nicht auf dem Wanderweg, sondern auf direktem Weg. Das Gestein bot dafuer auch perfekte Voraussetzungen: Vergleichbar mit einer Geroellhalde, nur mit sehr kleinen Steinen sackte ich nur ein paar cm ein, was meinen Abstieg gut abfederte. Auf dem Wanderweg war das Gestein hingegen festgetrampelt. Was mich sehr wunderte waren die vielen Leute, die mir trotz des grauenhaften Wetters entgegenkamen. Bei so einer Suppe mit Regen wuerde mich niemand freiwillig vor die Tuer bekommen. Oder ich bin halt einfach eine Lusche ;-).

... und Happa Happa.
Die Cab. de Susanfe erreichte ich dann endlich. Damit hatte ich das mir vorgenommene Tagesziel schon erreicht. Immerhin! Noch einmal will ich auf keiner Huette 2 Tage bleiben - jedenfalls nicht beim Weitwandern. In der Huette warteten schon um die 10 Leute. Die machen es richtig! Aber lieber laufe ich einen Regentag durch, als 1 Tag spaeter in Monaco anzukommen. Beziehungsweise gilt dieser Spruch erst bei mehreren Regentagen, aber davon hatte ich ja schon genug... In der Huette bestellte ich mir erst mal 1/2 Liter Rivella. Das hat zwar maechtig viel Zucker aber das verbrenne ich ja auch gleich wieder. Ich wollte naemlich unbedingt noch weiter. Nach nur 20 Minuten Pause stieg ich wieder in meinen nassen Regenschutz. Wuah war das ekelhaft! Vor allem meine Softshelljacke hatte sich etwas mit Wasser vollgesaugt. Aber es hilft nix. Wenn ich bei jedem kleinen Regen aufhoere zu laufen, wuerde ich wohl eine ganze Woche verlieren. Nein. 2 Wochen waeren es mindestens.

Auf dem Grat in Richtung Grenzuebergang
Jetzt begann der kritische Teil fuer heute. Im Fuehrer stand, dass es teilweise sehr steil runtergeht und es erhoehte Aufmerksamkeit erfordert. Der erste Teil war noch sehr einfach. Ueber viel Matsch ging ich etwas bergab. Von links hoerte ich ein unglaublich lautstarkes Knarren wie wenn ein halber Berg herunterkommen wuerde, aber das war wohl nur einer der vielen Restgletscher, die es hier gab. [Ich weiss noch, dass die Berge dort unglaublich interessant anzuschauen waren, kann mich jetzt aber an keine Details mehr erinnern. Aber dafuer gibt's die Bilder :-).] Nach dem Staudamm ueberquerte ich noch ein kleines Fluesslein ueber eine Bruecke, dann ging der etwas gefaehrlichere Teil des Abstieges los und auch die Wolken nahmen mir jede Sicht. Ist ja mal wieder typisch. Kaum wird's interessant, schon seh ich nix mehr. Endlich waren auch mal Ketten neben dem Weg angebracht, die sich mal rentiert haben.

Das Haeuschen beim Grenzuebergang bei dem ich mich kurz unterstellen durfte.
Der Regen machte an vielen Stellen die Sache nicht leichter. Selten hatte der Fels eine scharfe Kante, an der der Stand sicher gewesen waere, aber zum Glueck halten die Vibram Sohlen in den meisten Faellen auch so und schon wieder kam mir eine Gruppe Wanderer entgegen. Sehen die nicht, dass das Wetter nichts zum Wandern ist?!? Immerhin hatte es immer wieder kurzzeitig zu regnen aufgehoert, was nichts daran aenderte, dass ich sehr durchnaesst war. Nach dem steilen Abstieg lief ich auf gleicher Hoehe den naechsten Einkehrmoeglichkeiten bei Bonavau entgegen, die ich gleich nutzte, um Mittag zu machen. Als ich eintrat, wurde gleich der Ofen eingeheizt und ich nutzte die Gelegenheit und setzte mich gleich an den Tisch daneben. Perfekt. Am liebsten waere ich hier bis zum Abend gesessen.

Der ganze Weg stand unter Wasser.
Immer mehr Leute kamen in die kleine Huette und nachdem ich mein leckeres Kaeseomlette verputzt und 1 Liter Rivella Intus hatte [Immerhin gibt das kurzfristig Energie], zwaengte ich mich langsam etwas widerwillig immer in meine Klamotten. Die Softshelljacke wringte ich aber vorher etwas aus. Einerseits um etwas Gewicht zu sparen, andererseits einfach um sie nicht mehr all zu nass erscheinen zu lassen (das half aber nur psychisch). Geschaetzte 10 Minuten verbrachte ich mit dem Anziehen und ging dann mit frisch aufgeladenen Zellen weiter. Erst mal standen 250 HM nach oben an, die ueber schlammige Wege zu schaffen waren. Ich konnte froh sein, dass ich meine Stecken hatte. Schon wieder kamen mir Leute entgegen, die allerdings gar nicht mehr so happy aussahen sondern mehr am Meckern waren.

Der Weg, welcher mit einem ueberkreuztem rot-weissem Symbol markiert war :-).
In Windeseile hatte ich die 250 HM geschafft. Das hatte ich sicher dem Super-Omlette zu verdanken! Jetzt hatte ich auch noch freie Sicht auf den naechsten Pass der anstand. Zuvor ging es aber noch nach Barme herunter, was die letzte Einkehrmoeglichkeit vor Frankreich und fuer mind. 3 h war. Das war auch die Station, bei der ich mir ueberlegte, zu uebernachten aber eine halbe Stunde zuvor sagte mein Kopf zwar nein, aber ich wusste, dass ich noch weiterlaufen werde. [Meine Haxen trieben mich voran.] Unten in Barme hielt ich mich erst gar nicht lange mit Einkehrmoeglichkeiten auf sondern lief gleich weiter den Berg hoch. Nach 150 HM stand ich auf dessen Grat und wieder einmal nahm mir der Nebel die Sicht, was mir jetzt aber egal war. Ich wollte einfach nur ueber den Pass, bevor mir womoeglich ein Donnergrollen um die Ohren hallt. Dann muesste ich umkehren, was ich ganz und gar nicht wollte. Auf dem Weg in der Naehe des Grates entlang gab es sogar einmal eine kleine ebene Flaeche, was mich doch mal wieder ueberraschte.

In weiter Ferne lag die naechste Scharte.
200 HM und viel auf und ab waren zu ueberwinden, ehe ich mit einem letzten Anstieg endlich beim kleinen Haeuschen ankam, das frueher wohl zur Grenzkontrolle genutzt wurde. Erfreulicherweise bot es mir einen guten Unterstand und ich stellte meinen Rucksack ab um die erste franzoesische Karte vom Rucksack heraus zu ziehen. Doch steckte ich diese nach einen kurzen Blick nicht darauf gleich wieder zurueck. Schon durch das bisschen Naesse, die in meinen Rucksack gedrunken war, schien sie beschaedigt zu sein. Da brauche ich die bei Regen erst gar nicht in meiner Tasche tragen, sonst sind die Matsch. Also wieder rein damit und ich wollte einfach nur der Beschilderung folgen. Doch schon 1 m nach dem Grenzuebergang wurde ich mit sehr seltsamen Schildern konfrontiert. Plastikteile, bei denen draufgemalte Pfeile die Richtung genauer bestimmten. Naja. So ganz schlau wurde ich nicht daraus, aber ich nahm einfach den Weg, der am ehesten in der angezeichneten Richtung lag.

Wieder mal war ich nicht der Einzige der bei dem Schweinewetter unterwegs war.
Der Weg war fuer gelaendefaehige Fahrzeuge geschaffen, nur haette ich einen Allradantrieb gebraucht um ohne rutschen schnell zu laufen. Schnell war mir das egal und rutschte bei jedem Schritt ein paar cm weiter. Ueber eine seltsame Wegmarkierung wunderte ich mich auch: Ein roter Strich, der von einem weissen durchstrichen war. Dort ging es eine Wasserrinne sehr steil runter. Unten wieder auf der Strasse stellte ich dann fest, dass das wohl _kein_ Wanderweg bedeuten sollte. Nach viel weiterem Weggehatsche zweigte dann endlich der Wanderweg ab. Wieder einmal liefen mir viele Wanderer ueber den Weg und die Wegmarkierungen wurden auch sehr seltsam aber irgendwie kam ich am richtigen Fleck heraus und die Wolken verzogen sich auch wieder, sodass ich sogar einen Blick auf den Pass werfen konnte, ueber den ich gekommen war.

Ein weiterer von all den huebschen Wegen. Wenn's nur nicht regnen wuerde!
Dann kam ich wieder auf einer Matschstrasse heraus, die noch hoch zum naechsten Pass fuehrte, bei dem links danach auch schon "Auberge de la Golese" stand. Diese Gelegenheit liess ich mir nicht entgehen und kehrte dort ein. Meine nassen Regensachen zog ich aus und ging rein. [Zuerst wollte ich mit den nassen Sachen rein um sie etwas trocknen zu lassen, wurde dann aber gleich wieder rausgeschickt um zumindest die groebsten Regentropfen draussen abtropfen zu lassen.] Zur Erfrischung gab es erst mal ein Bier, dann ein Zweites einer anderen Sorte, das aber nicht mehr so gut schmeckte :-(.

Bei Nebel waere ich einfach an der Huette vorbeigelaufen. Dieser kleine Weg zweigte naemlich unmarkiert von der grossen Strasse ab.
Eine 3/4 Stunde ist es noch bis zur Zielhuette und von gestern weiss ich, dass es mir stinken wuerde, wenn ich abends herum sitze und an den kleinen Katzensprung denken wuerde. Nur noch 150 HM waren nach oben zu machen und so zog ich wieder mal meine nassen Sachen an und zum gehofften letzten Mal ging es heute los. Hinter der Huette ging der Weg hoch und zu Anfang regnete es nicht einmal. Schon wieder kamen mir ein Haufen Leute entgegen. Ich selbst fuehlte mich wohl wg. der 2 Bier wie niedergeschlagen. Nichts ging mehr so richtig voran, aber weit war's ja nicht mehr.

Teilweise stand der Weg komplett unter Wasser.
Der Wegweiser sagte mir auch, dass die Haelfte geschafft war und ich nur noch auf gleicher Hoehe um den Huegel laufen musste. Leicht war das aber doch nicht, da viele Steine ein auf und ab erzwangen und der Regen wahre Swimmingpools geschaffen hatte. Dann kam ich endlich bei der Huette an und wurde auch freundlich empfangen. Gleich sprang ich unter die Dusche, die zwar etwas kostete, was mir aber egal war. Ich muss sagen, dass es sich wirklich rentiert hat, hier noch hoch zu laufen. Die Halbpension bestand aus einer Suppe, einem Auflauf mit viel Kaese und aus Quark mit Marmelade und noch leckerem Kruemelzeug. Der Sohn des Huettenwirtes spielte dann noch bissl auf seiner Gitarre, der Wirt gab uns noch ein paar Schnaepse zum Probieren und ich fuehlte mich hier richtig wohl. Nur mein Schlafsack und ein paar andere Dinge sind feucht.

Licht am Ende des regenreichen Tunnels.
Ach genau. Beim Duschen ist mir aufgefallen, dass ich mein Schienbein schon wieder angehaut habe und es sehr weh tut. Nur war das kein Schorf sondern eine scheiss Zecke, die sich festgebissen hat. Wieder im Wirtsraum bekam ich eine normale Pinzette und fuchtelte damit herum bis das Teil raus war. [Der Sohn vom Huettenwirt hat sich auch an der Zecke versucht mit dem Resultat, dass die nachher platt wie 'ne Flunder und deren Innereien wohl in mir waren :-(.] Jetzt hoffe ich nur, dass ich auch den Kopf mit rausbekommen habe und die Zecke kein FSME hatte. Stellt sich nur die Frage, wo ich die her habe. Dass es auf dieser Hoehe Zecken gibt, ist mir neu.

Nach dem Zeckenbiss war das genau das richtige!
Ich bin heute total fertig. Fuer morgen habe ich nicht einmal mehr eine frische Unterhose. Das Waschen habe ich gleich sein lassen. Ich will morgen die Etappe ganz normal durchziehen und im Tal bleiben. Evtl. auch einen Arzt aufsuchen, wenn die Bissstelle sich roetet.