Tagebuchtage:
 
 
 
 
 
 
Freitag, 16.7.2010
Tag 38 - Verkatert, zerstochen, ohne Weg, in Brennesseln fallend
Isola → Borghetto → Passo de Balniscio → Pian San Giacomo → Mesocco
Blick zurueck mit Wein und Zigarettengeschmack in der Fresse - WAEH!
Heute war ich relativ fertig. Aber nicht vom Wandern, sondern wegen dem gestrigen Saufen. Ueber einen Liter schuettete ich mir aus Frust ueber die fraenkischen Spaziergaenger rein und rauchte eine nach der anderen. Ich bin ganz sicher der versoffenste, rauchende Via Alpinist, den es jemals gegeben hat. Ich hab immer noch so einen seltsamen Geschmack im Mund. Vorsichtshalber nahm ich noch einen halben Liter Mineralwasser mit auf's Zimmer. Dieser war in der Frueh auch razze leer [Der Brand liess gruessen]. Gestern Abend lernte ich beim Abendessen auch noch Urs kennen, der ein richtiger Wanderer ist. Was die Gruppe Franken machen bezeichnet man eigentlich als Spaziergang. Mit Urs plauderte ich den ganzen Abend lang, wobei er nicht den Fehler machte, sich weg zu schuetten. Um 7 Uhr klingelte mein Wecker, auf das ich seit einer Stunde wartete. Irgendein Betonmischer laermte naemlich seit 6 Uhr vor meinem Fenster. Schon fast wie in Trance startete ich mein alltaegliches Morgenprogramm: Trinkblase auffuellen, Rucksack packen, Zaehne putzen um diesen ekelhaften Geschmack von Wein und Zigaretten aus meinem Mund zu jagen [zumindest vorerst] und dann runter zum Fruehstueck.

Der Weg im Tal entlang
Wegen dem Saufgelage hatte ich sowieso keinen Hunger. Also schmierte ich mir erst einmal 2 Wurstsemmeln, die ich in meiner "Schmugglertuete" verpackte und wie schon so oft vorher in meine Hosentasche steckte. Dann schaffte ich es doch, zumindest eine Semmel mit Kaese zu essen. Bei der Bezahlung gab es wohl eine Verwechslung: Der Preis war auf einmal 5 € teurer fuer Uebernachtung und Halbpension. Um aber einer moeglichen zeitverschwenderischen Diskussion aus dem Weg zu gehen, gab ich einen Wein im Wert von 3 € nicht an. So waren's 2 € Trinkgeld und jeder war happy :-).

Pause in Borghetto
Zum Start ass ich wieder einmal einen Apfel, als ich langsam die alte Strasse in Isola hochtappte. Vermutlich war ich noch stockbesoffen, weil mir der Rucksack so furchtbar leicht vorkam. Ich gruebelte nach, ob ich nicht vllt. irgendetwas vergessen hatte, aber mir fiel nichts ein. Gestern erfuhr ich auch, dass ich mit der Unterkunft in Innerferrera hoellisches Glueck hatte: Urs kam dort um 4 Uhr an und bekam kein Zimmer mehr. Zum Glueck habe ich dort vorher angerufen! Zum warm werden musste ich jetzt erst einmal ueber 200 HM hoeher. Das waere an sich auch schoen gewesen, aber einerseits schmeckte ich bei jedem Atemzug den Wein und die Zigaretten, andererseits fingen bald 10 Bremsen an, an mir herumzusaugen. Die ganze Zeit brannte es an meiner Wade oder am Oberarm. Wenn es wenigstens Muecken waeren, dann wuerde es spaeter nur jucken aber diese [Stiche] sind richtig schmerzhaft. Mit meinem Hut fing ich bald an, auf mich und die Mistviecher einzuschlagen. Viele erwischte ich auch aber es schienen nicht weniger zu werden. Also lief ich in meinem Halbsuff schneller hoch. Seltsamerweise brannte schon jetzt die Sonne runter. Bald kam ich auf einer Schotterstrasse raus, die 2 Dinge bedeutete: Erst einmal war Schluss mit den Bremsen, andererseits ging es fuer die naechste Zeit in sehr gemuetlicher Steigung weiter hinter ins Tal. Relativ schnell war ich am Ende der Strasse angelangt, die links neben einem Fluss verlief. Nach einer kleinen Bruecke ging der Wanderweg weiter hoch. Gut 300 HM wollen jetzt geschafft werden. Immer mehr schmeckte ich die Restbestaende des Zigaretten-Wein Gemisches, dass jetzt wohl aus meinen Schleimhaeuten freigesetzt wurde. Waeh. Aber auch dieser Weg hatte schon bald ein Ende. Nur mein Rucksack schien schwerer zu werden.

Ab diesem Zeitpunkt bis zur Kante zum Himmel waren keine Wegmarkierungen mehr sichtbar
In dem kleinen Bergdorf Borghetto machte ich dann auch Pause. Mehr als die Haelfte der nach oben fuehrenden HM hatte ich jetzt hinter mir und mein Magen knurrte schon wieder. So verputzte ich die erste Schmuggler Semmel. Schmuggler deshalb, weil ich staendig auf Paessen herumtapse, die von Schmugglern genutzt wurden. Ich bin zwar kein Schmuggler in diesem Sinne, aber der Ausdruck gefaellt mir irgendwie richtig gut. Nach 15 Minuten ging ich wieder weiter. Das Wetter sah schon wieder sehr seltsam aus und kein Wetterbericht schien zu stimmen, was ich von den Bergen schon kannte. Was ich aber machen konnte, war frueh aufzustehen, da ein Gewitter meist erst am spaeten Nachmittag losgeht. Nach der recht erholsamen Pause, in der ich auch 1/4 Liter Mineralwasser zu mir nahm, ging's weiter. Dieses mal ueber Wiesenhaenge in denen ausreichend Wegmarkierungen gesetzt waren. Allerdings schien ich langsamer voranzukommen als gedacht, da sich der Weg lange hinzog. Als ich einmal mehr zurueckschaute, konnte ich wieder einmal in weiter Ferne sehen, wo ich hergekommen war. Aber ich hatte es auch eilig. Also nichts wie weiter. Bei dem ersten See auf 2300 HM machte ich aber nochmal eine Pause. Jetzt waren nur noch 50 HM und ich wollte nicht oben pausieren, wo es viel windiger sein koennte. Der Wind nahm und gab mir in den 15 Minuten mehrmals die Sonne mit den Wolken. Es ist einfach ein seltsames Wetter. Nach der Pause ging ich noch die restlichen 50 HM hoch zum kleineren See, bei dem vereinzelt blau-weisse Markierungen angebracht waren.

Pferdal!!!!!!!!!! Wie die wohl hochgekommen sind?!?
So stand ich auf dem Pass und suchte die naechste Markierung. Nichts, rein gar nichts war zu erkennen. Vor mir erstreckte sich eine ca. 1 km lange fast ebene Wiese, nur wusste ich nicht, wo der Weg dort hinunter fuehrt. Laut Karte ging ich rechts entlang und fand auch einen Trampelpfad, allerdings ohne Markierungen. Mittlerweile schrieb ich es auch ab, den naechsten km eine davon zu sehen. Ueber eine sumpfige Wiese stapfte ich vor mir her in die einzige moegliche Richtung, dort wo es nur bergab gehen konnte. Wie auch immer sie es hier hoch geschafft haben: Hier stapften wieder Pferdal herum. Eines davon hab ich wieder mal bissl auf der Nase gekrault. Von vorne sehen Pferde irgendwie genauso doof wie Kuehe aus! An dem Punkt, wo es runter ging stand ich vor der Frage aller Fragen: Wo geht's denn nun runter? Eine Markierung war nicht zu sehen und die Karte meinte rechts vom Fluss. So kam ich endlich wieder auf einen rot-weiss markierten Weg, den ich schon ein paar Minuten spaeter wieder verloren hatte.

Der seltsame Weg mit seltsamen Pflanzen... einfach seltsam
Mittlerweile befand ich mich auch wieder in der Schweiz, wo ich eine bessere Markierung erwartet haette. So stand ich ca. 10 Meter ueber dem Punkt, kurz nachdem der Wasserfall unten aufkam. Als erstes versuchte ich an einer passenden Stelle herunter zu klettern. Langsam tastete ich mich voran, teste, ob Steine wirklich hielten und brach das ab als unter mir der Stein von feuchtem Moos-Schleim benetzt war. Da rutsche ich 100%-ig ab. Also wieder hoch. Auf der anderen Seite des Flusses konnte ich einen Pfad entdecken, der mir aber falsch erschien, da er etwas aufsteigend auf ein steiles steiniges abwaertsstueck verlief, bei dem ich mir keinen Weg runter vorstellen konnte. Von Schafen konnte ich auch ein Gemecker wahrnehmen. Das koennte die Loesung sein. Entlang des Zaunes koennte der Pfad sein! So stapfte ich weiter hoch um festzustellen, dass der Zaun ueber eine 10 Meter tiefe Furche fuehrte, in dem Wasser herunterrauschte. Auf den schon vorhin wahrgenommendem Pfad meinte ich eine Markierung wahrzunehmen. Dann soll's eben so sein und ich muss hier irgendwie runter. An einer anderen Stelle fand ich auch eine angenehmere Kraxel-Passage. Das ist mit einem fetten Rucksack hinten drauf gar nicht mal so leicht wie ich schon bei den 3 Schwestern feststellen musste. Direkt unter dem Wasserfall stehend konnte ich auch Markierungen sehen. Bei der Flussueberquerung wurden meine Scarpa Schuhe auch wieder einem fast knoecheltiefen Test unterzogen. Den Pfad stieg ich die paar HM immer an dem Abstieg denkend hoch. Tatsaechlich musste ich ein paar Mal meine Haende fuer eine Passage verwenden, aber es ging soweit problemlos und ich war wieder eine Ebene tiefer. Das Ganze begann immer unwirklicher zu werden. Seltsame gruene Pflanzen wuchsen hier, die Steine waren seltsam geformt und ich hatte einen sakrischen Brand, den ein Wasser nicht loeschen konnte. Immerhin waren jetzt wieder viele Markierungen zu sehen. Bei der letzten "Hochetage" ging es bald steil bergab. Im Guidebook war bereits zu lesen, dass es steil bergab ging, aber diese Steigung haette ich nicht erwartet.

Diese paar Stufen waren bitter noetig... nicht fuer mich aber fuer anderen Wanderer, die auch noch bei Regen absteigen
Ich rutschte die ganze Zeit weg, da der Untergrund oft nur aus abgestorbenen Tannennadeln (oder was das hier oben ist) bestand. Besonders fies waren die Stellen, an denen die Sonne scheinen konnte. Dort bluehten irgendwelche Pflanzen mit grossen Blaettern, die den Weg unter sich versteckten. So tappte ich sozusagen im Dunkeln und rutschte desoefteren auf einem versteckten Stein weiter als gewollt. Die Fuesse schmerzten sehr stark, genauso wie die Zehen, die trotz fest gebundenem Schuh immer wieder vorne anstiessen. An einer Stelle weiter unten fuehrte der Weg ueber einen sehr erdigen Pfad, bei dem das passierte, was ich schon oft befuerchtete: Der Weg brach unter meinem rechten Bein weg. Instinktiv warf ich mich zur linken Seite und stuetzte mich mit den Stecken ab. Soweit, so gut. Als ich mich wieder hochgestemmt hatte stellte ich fest, dass mein ganzes rechtes Bei prickelte. Beim zurueckschauen sah ich den Uebeltaeter: Brennesseln!!! Als ob es noch nicht reicht, dass ich jetzt voller Dreck bin! Der Abstieg war auch noch sehr anstrengend, da ich die ganze Zeit damit rechnen musste, wieder weg zu rutschen. Um so froher war ich, als vor mir eine Forststrasse auftauchte. So, das war's mit diesem Abstieg des Grauen!

Erleichtert erreichte ich eine Strasse... diese kann nicht mehr steil verlaufen
Ich verstehe nicht, wie man so einen Weg ueberhaupt finden kann. So etwas muss aus purer Not entstanden sein. Wenn ich mir dann noch ueberlege, unter welchen Umstaenden und mit welcher "Ausruestung" dieser Weg begangen wurde. Und das ohne Markierungen! Jetzt hab ich den Mist aber erst einmal hinter mir. Ich bin dreckig, hab nen Brand und bin voellig durchgeschwitzt. Die Forststrasse verlief direkt neben einer durch einen hohen Zaun abgegrenzten Schnellstrasse und vor mir stand eine Imbissbude auf einem Parkplatz. Hatte ich ein Glueck, dass hier ein Tor ist, dass nur mit einem Draht gesichert war! So goennte ich mir einen Cheeseburger und 2 Coca Cola, zog Socken und Hose aus um sie etwas in der Sonne trocknen zu lassen und sass ueber eine halbe Stunde nur herum um meine Pause richtig zu geniesen und die Gewissheit, den Abstieg unbeschadet ueberstanden zu haben. Irgendein Ferrari Fahrer kam auch auf diesen Parkplatz gefahren. Da meinte ich mir auch nur, dass er meine bisherigen Erfahrungen und Erlebnisse nie mit Geld bezahlen koennte.

Mein Einkauf... man beachte die 2 Dosen Billigbier!
Zu Pian San Giacomo gelangte ich dann, in dem ich die Forststrasse ueber 3 Kurven weiter nach unten folgte. Das waere eigentlich das Endziel fuer Heute, aber ich wollte noch weiter runter nach Mesocco, das auf der morgigen Etappe liegt. So kann ich die morgige Etappe mit ueber 8 angeschriebenen Stunden verkuerzen und bin vor allem frueher wegen Gewittergefahr ueber den Pass. Eine Einkehrmoeglichkeit konnte ich auf die Schnelle auch nicht wahrnehmen, also ging es gleich weiter. 400 HM musste ich noch runter, wobei der Weg sehr angenehm immer wieder ueber Wanderwege fuehrte. Nach einer Stunde kam ich auch dort an und machte mich auf die Suche nach einer Unterkunft. Bei der Imbissbude wurde mir gesagt, dass es hier keine geben wuerde, weshalb ich kurz vor Mesocco schon nach passenden Plaetzen fuer mein Zelt Ausschau hielt. Aber in Mesocco scheint es mehrere Uebernachtungsmoeglichkeiten zu geben. Wo ich jetzt genau bin, weiss ich gar nicht. Nach dem Bezug des Zimmers ging ich zum Getraenkeshopping. Bier, Saft, Wasser, Limo. Hier ist ein Coop Supermarkt mitten im Zentrum. Die perfekte Gelegenheit, Geld zu sparen :-). Immerhin kostete das Zimmer 50 Franken was aber fuer die Schweiz sehr billig ist. Da es in Selma, dem Endziel der morgigen Etappe laut Wandererkommmentar keine Unterkunft geben soll, hab ich noch ein bisschen im Internet gesurft, ohne viel herauszufinden. Da werde ich Morgen auf gut Glueck hingehen. Zum Essen gab es heute eine einfache Pizza, aber in einem anderen Lokal mit Holzofen.